Neurosenkranz
Exerzitien, mit denen sich zentraleuropäische PsychotherapeutInnen
den Verlust der Triebe erklären
Nimm dir den Mut
Du lebst ja gut
Hast Essen genug
Und Wasser im Krug
Keine Bomben am Dach
Nachts bist du nicht wach
Keine Folter, kein Krieg
Dir gilt kein Schuss
Und auch sonst kaum Verdruss
Im Gegenteil, du lebst im Überfluss,
also…
(und wieder von vorne)
Song vom "Waren" Hintergrund
der „Griechenlandkrise“
Nach dem Kälbermarsch von Brecht/Eissler,
nach dem Horst Wessel-Lied
Europas Stier steht auf verbrannter Erde
Das arme Tier weiß nicht mehr aus noch ein
Die Hirten der EU verraten ihre Herde
Sie ließen Wölfe in den Pferch hinein
Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber
Die Zinsen hoch, die Ratingagenturen
Treiben die Staaten so in den Ruin
Globales Laufhaus wolln sie statt lokaler Huren
Die sollen, ausrangiert, von selbst ins Schlachthaus ziehn
Hinter der Fahne her
Trotten die Kälber
Das Fell für den Metzger
Liefern sie selber
Hitler wollt einst Europa ganz bezwingen
Es bringen unter seinen Eisenhut
Das war zu plump und konnte damals nicht gelingen
Die Lektion lernte die Wirtschaft gut
Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber
Europa ist ein fader Fahnenfetzen
Subtil beherrscht von Wirtschaftsdiktatur
Menschen die wieder einmal gegen Menschen hetzen
Folgen Politikern, die folgen Wirtschaft nur
Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber
Die Grenzen hoch, die Gatter fest geschlossen
Feiert Europa Nazi-onale Wiederkehr
Es werden Schimpf und Hasskanonen abgeschossen
Und bei Bedarf auch noch ein bisschen mehr
Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber
Und vor Europas Urlaubsparadiesen
Ersaufen Flüchtlinge im blauen Mittelmeer
Und unsere Presse faselt was von Wirtschaftskrisen
Und dabei wachsen die Gewinne mehr und mehr
Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber
Europa als Garant hätten wir gerne
Von Frieden, Wohlstand und Demokratie
doch leider bleiben diese nur entfernte Sterne
Greifen die Menschen nach den Sternen nie
Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber
Doch wissen selbst die alten Pharaonen
Machtpyramiden stürzen manchmal ein
Wenn Menschen aufstehn und die Mächtigen entthronen
Wird einmal Schluss mit aller Herrschaft sein
Facebook und Twitter her
Es befrein sich die Kälber
Und leben ihr Leben
Zum erstenmal selber
Dann gute Nacht, Eliten, Oligarchen
Umwelt- und Menschenkiller gute Nacht
Das ist das Ende der brutalen Patriarchen
Wenn sich das Kalb zum eigenen Hirten macht
Dann trottet keiner mehr
Hinter dem andern
Wenn miteinander wir
Gleich-Freie wandern
Glückliche Liebe gibt es nicht
Nachdichtung nach einem Gedicht von Louis Aragon,
Musik von George Brassens
Nichts ist dem Menschen sicher, seine Kraft nicht
Noch seine Schwäche noch sein Herz und wenn er meint
Die Arme auszubreiten ein Kreuz sein Schatten scheint
Und er zermalmt sein Glück wenn er’s zu halten meint
Sein Leben seltsam leidvoll wie eine Eh zerbricht
Glückliche Liebe gibt es nicht
Sein Leben ist wie diese Soldaten ohne Wehr
Die man gekleidet hat für anderen Lebenslauf
Was nützt es ihnen stehen sie am Morgen auf
Sie die man abends findet verunsichert zu Hauf
Sagt dieses Wort Mein Leben weint keine Tränen mehr
Glückliche Liebe gibt es nicht
Mein schönes Lieb mein teures Lieb mein tiefer Riss
Ich trag dich wie ein Vöglein dem ein Leids geschehen
Und diese Ahnungslosen sehen uns vorüber gehen
Murmeln mir hinterher Worte die mir entstehen
Und die in deinen Augen sterben in Finsternis
Glückliche Liebe gibt es nicht
Die Zeit leben zu lernen zu spät sie reicht uns nie
Was weinen unsere Herzen des Nachts im selben Ton
Wie viel braucht es an Unglück für das kleinste Chanson
Wie viel Bedauern braucht ein Erschauern doch als Lohn
Und wie viel Schluchzen die Gitarrenmelodie
Glückliche Liebe gibt es nicht
14. Juli 2011
Ich komme an (J`arrive)
Jaques Brel
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Unsere Freundschaften vagieren
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Will Tod die Lieben „schaffotieren“
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Uns andere Blumen blass begegnen
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Weinen die Männer Frauen regnen
Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätt ich meine Knochen noch einmal geschleppt
Bis zu der Sonne, bis zum Sommer, bis zum Frühling, ach, bis Morgen hin
Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätt ich noch einmal gesehen ob der Fluss noch Fluss ist
Und der Hafen Hafen und ich mittendrin
Ich komme an, ich komme an
Warum grad ich, warum grad jetzt
Warum so schnell und wohin gehen
Ich komme an, natürlich komme ich an
Ich hab in meinem ganzen Leben niemals etwas anderes getan
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Und jedes Mal etwas „alleiner“
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Mein Guthaben wird immer kleiner
Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätte ich noch einmal genommen Liebe wie man nimmt den Zug,
um nicht allein, woanders und gut drauf zu sein
Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätt ich noch einmal mit Sternen einen Zitterleib gefüllt
und wär im Liebesbrand gestorben dann als Aschenherz
Ich komme an, ich komme an
Das bist nicht du, der zu früh dran ist
Das bin schon ich, bin bereits zu spät dran
Ich komme an, natürlich komm ich an
Hab ich denn je in meinem Leben etwas anderes getan?
Im Hafen von Amsterdam
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die singen
Träume, die sie verschlingen
Schon weit vor Amsterdam
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die schnarchen
Fahnengold von Monarchen
Im Bett trostloser Strände
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die sterben
voll von Bier und von Dramen
in des Morgenlichts Scherben
Aber im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Mütter die gebären
In Bruthitze, Matrosen
Voller Sehnsücht nach Meeren
Im Hafen von Amsterdam
Lassen Matrosen sichs schmecken
Auf zu weißen Gedecken
Fische, glitzernd und nass
Sie zeigen euch Zähne
um das Glück zu zerbeißen
Sichel vom Mond zu reißen
Schlucken, Tauwerk und Kähne
Und das riecht nach frischem Fisch
Bis ins Fettherz der Fritten
die sie großprankig bitten
„Kommt noch mehr auf den Tisch“
Und dann stehn sie lachend auf
Als ob Sturmwinde tosen
Knöpfen zu ihre Hosen
Und gehen rülpsend hinaus
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die tanzen
Reiben sich ihren Ranzen
An den Ranzen der Frauen
Und sie drehn sich und sie tanzen
Wie Sonnen, ausgespuckt
In einem Ton der verzuckt
Aus einer Quetsche voll Wanzen
Sie verdrehn das Genick
Eigenes Lachen belauscht
Bis zu dem Augenblick
Wo das Akkordeon verrauscht
Und dann mit Geste voll Würde
Und mit stolzem Gesicht
Tragen sie ihre Bürde
Hinaus ins grelle Licht
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die trinken
Und die trinken und trinken
Und trinken noch einmal
Sie trinken auf das Wohl
Der Huren von Amsterdam
Von Hamburg oder sonst wo
Jedenfalls aufs Wohl der Damen
Die ihnen ihren hübschen Leib schenken
Ihre Unschuld dazu
Für ein Stückchen Gold
Und sind sie dann so richtig „zu“
Nase in Himmel und Wind
Schnäuzen sie sich in Sterne
Und pissen wie ich weine
Auf die Frauen die untreu sind
Im Hafen von Amsterdam
Im Hafen von Amsterdam
24. 7. 11
Nach dem Terroranschlag in Norwegen
Klärung der Schuldfrage
Der Himmel gehört auch den Mördern und Verrückten
Der Goldmond und das Geschmeide der Sterne
Ist der Reichtum der Unterdrücker und der Unterdrückten
Alle haben den Himmel gerne
Am gleichen Tag
Woran starb Amy Winehouse
Ganz allein zu Haus?
Warum war ich nicht da
Um ihre Hand zu halten
Wo waren ihre Freunde
Wo waren ihre Alten
Wer ist schuld an dem
Was mit ihr geschah?
Der schnelle Ruhm, die Musikkonzerne
Die Familie?
Es tötet die Gleichgültigkeit
Dieser verlogenen Zeit
Es töten die beschissenen Computerspiele
Mit ihren Menschenzielen
In dieser beschissenen Zeit
Wo sich niemand mehr verstecken kann
Wo man öffentlich verrecken kann
Geht uns alle alles an
Fellner ist schuld
Und der Kellner ist schuld
Der den Whisky ausschenkt
Und der Drogenhändler
Aber auch der Trafikant
Der die Krebszigaretten verkauft
Und der Arbeiter in der Pistolenfabrik
Und der Priester der Kanonen segnet
Und Soldatenmörder tauft
Und der Sozialdemokratische Funktionär
Der sich zu gut ist, um mit den jungen Neonazis zu reden
Zu streiten und wenn nötig zu raufen
Die Jasager und Runterschlucker und nach unten Treter
Und nach oben Ducker sind schuld
Und die verfluchte Geduld
22. August 2011
Du bist nicht allein
Glücklicher Tag
Sommerleicht vor dem Herbst
Glücklicher Abend
Trotz vorgerückten Alters
Weißer Schmetterling, taumel
Grüne Gräser streckt euch
Wolkenloser, blauer Himmel
Schwebe, Sonne liebkose
Wasser umschmeichle mich
Leichter, spätsommerlicher Trost
Flüster mir zu:
Du bist nicht allein
Nackt und schön
Wie schön es ist
Nackt zu sein
Alles Nackte ist schön
In der Natur
Alles nackte, Lebendige,
Schamlose
Jede Form, jedes
Alter, versehrt und
Unversehrt – alles was
Augen hat und eine
Seele, ist schön
Und leicht und jung
Ist verwoben mit der
Welt, tanzt
Spielt und tönt
Mit.
14. August 2011
Dünnhäutig
Ich bin dünnhäutig
Geworden wie eine löchrige
Trommelsonne aus dem Norden
Wie ein durchschossener
Blechkrug, wie die
Entzündete Krötenhaut
Unserer Demokratien.
Durchscheinend, aufbrausend
Wie eine aufgescheuchte
Amselkolonie bei Winter-
Einbruch, wie das Unterhemd
Einer Vogelscheuche
Wie die Herzscheidewand
Eines Konsumdopingsünders
Unserer Breite.
Lybischer Spätsommer
Schreie und Explosionen
In der heißen Wiener Afrikaluft
Die letzten Stunden des
Diktators, Brandgeruch,
Phosphor – Lachen und
Krachen, Jubel und Schluchzen
Tod und Geburt
All das in den Strahlen
Der wunderbaren, sinkenden
Sonne, in ihrem kosenden
Streicheln, im heißen
Föhnhauch des verklingenden
Tages. Mögliche
Freiheit über den
Wüstengräbern ist bis hierher
Zu erahnen und auch schon
Der nächste Verrat.
Grausam unbeteiligt und
Ungerührt dreht sich das
Vielzitierte Rad der
Geschichte – Knochenmühle
Im Takt der Börsenstatistiken
Und des Auf und Ab der Ölförderanlagen.
Der Peak-point der
Unmenschlichkeit ist
Schon lange überschritten
Bloß, wer hats gemerkt?
Die Menschheit
dürstet nach friedlicher
und lebbarer Zukunft.
Tunesisch-Ägyptischer Frühling
Lybischer Sommer
Wann kommt der syrische Herbst
Und wann endlich
Der letzte Winter der
Oligarchien?
Für Helmut Schüller
Und die Pfarrerinitiative
Es ist Platz
Genug auf dieser Erde,
dass ein jedes, wie
es ihm beliebt, hier
glücklich werde.
Dieser Himmel ist so
Riesengroß, dass er
Alle zudeckt, die da
Nackt und bloß
Seine Farben sind so
Wunderbar, dass man nicht
Bemerkt wer von uns
Farblos war.
Seine Vögel
haben so viele Schwingen
sie zu zahlen wird uns
nie gelingen,
dass sie fröhlich
miteinander fliegen
zählt, nicht zu wissen, wem
ein Flügel fehlt.
Dass wir miteinander
Gehen, hören, fühlen,
sehen, dass wir
unsere Herzen schlagen
spüren und dass
unsere Hände sich berühren,
dass wir wissen –
jeder ist was wert
ob er jetzt versehrt ist
oder unversehrt
Niemand kann
Die Welt besitzen
Wenn er sie nicht
Mit den anderen teilt
Siehst am Abendhimmel
Du ein Sternlein blitzen,
Tag enteilt
Torkeln Fledermäuse durch
Die Dämmerung in buntem Tanz
fühlst du, dass du
da bist, voll und
auf dem Rücken liegend,
ganz
dass du eins bist mit
den Elementen und dem
All
Liegst im Sommergras,
das riecht nach Leben
und Verfall
und riechst das Leben
im Verfall.
Das falsche Pferd
Ich habe immer aufs
Falsche Pferd gesetzt:
Aufs Seepferd.
24. August 2011
Widerliche Zeitgenossen
In Washington war ein
Erdbeben. Ja, derfs denn
das?
Im Morgenjournal: Mord- und
Argumentationsnotstand.
Ein österreichischer Fondsmanager
Wird interviewt bezüglich der
Situation in Lybien.
Lange Zeit Gadaffi hofiert
Jetzt haben Firmen Glaubwürdig-
keitsprobleme, aber das
Stört sie nicht wirklich.
Sie sind schon wieder
Dran am Geschäft, wie
die Laus im Pelz.
ÖMV, Eni etc.
400 Milliarden Barrel
Ölreserven für Europa.
Das zählt. Nicht
Die Kinder in Somalia
Nicht die Unterdrückten
In Syrien.
Gadaffis Erbe ist
Schon aufgeteilt und
Bilanziert.
Die Haut des Bären…
Widerliche Zeitgenossen,
das.
28. August 2011
Sonntag. Ersteinsatz bei einer Neunundneunzigjährigen.
Ich läute, die Schwiegertochter öffnet.
Der Tod war vor mir da. Sie ist gestern verstorben.
29. August 2011
Der Ostbahnkurti
im Prater, 2011,
des war für mi
wie am Tahirplatz
in Ägypten, aber
kana hats no gwusst
de Leit warn voll
begeistert
haben gspiart was da
passiert is echt
tiaf drinnen in der Brust
warn alle griahrt
und des Gespenst
vom Lichtermeer
von Demokratie
und Menschenrecht
und no vül mehr
is umanaundageistert
Die Amy Winehouse
Könnt no leben
Die Arme täterts heit no geben
Hätt sie an Kurti ghabt wia di
Ewiger Zweiter
Das Leben ist schmutzig
Das Leben stinkt
Wenn es trutzig
Vorüber hinkt
Das Leben ist Frohsinn
Das Leben ist schön
Das Leben ist unwissenschaftlich
Und hat keinen Sinn
Das Leben ist Gestöhn
Es ist weil es ist
Und es reimt sich meistens nicht
Es hört auf und geht
Trotzdem weiter
Das Leben ist ein ewiges Gedicht
Das sich stets neu schreibt
Du bist sein Begleiter
Und ewiger Zweiter
Weil dir nichts anderes
übrig bleibt
Edition Sonnberg
Karl-Lothringer-Straße 81/26
1210 Wien
Tel 0650 328 68 70
Hier veröffentlicht der Autor Willi Stelzhammer sein (b)logbuch
13.9.11
Mal sehen ob es klappt
hatte mein Passwort vergessen, konnte meinen Blog nicht bedienen. Jetzt hab ich ein neues Passwort und hab mir vorgenommen wieder öfter "laut zu denken". Mal sehen ob es klappt.
9.8.11
Die Edition Sonnberg freut sich
Die Edition Sonnberg freut sich, dass Willi Stelzhammer wieder auf dem Blog laut gedacht publizieren möchte.
11.9.09
Homepage der Edition Sonnberg
Auf der Homepage der Edition Sonnberg finden Sie Informationen zu unserem Verlagsprogramm.
http://sites.google.com/site/editionsonnberg/
http://sites.google.com/site/editionsonnberg/
20.9.06
Wahlloses
Liebe LeserInnen!
Habe schon lange nichts mehr gebloggt. Hatte einfach keine Zeit und keinen Bock vor lauter grausigem Wahl-Bla-bla, Bawag-, Kampusch-, Pflegenotstands- Aufgeregtheiten. Österreich hat mir die Red verschlagen, also habe ich Österreich aufgeschlagen und von nun an musste ich nicht mehr selber denken. Österreich und die ganze Welt in schnuckeligen Appetithäppchen abgepackt plus Hochglanzsociety-Studentenfutter. Ich war überwältigt und sprachlos, stopfte News, Standard, Sonntagspresse, Kurier, Kronenzeitung heißhungrig in mich hinein, auf der Suche nach einem authentischen Halbsatz, was sage ich - einem stimulierenden Stichwort, Beistrich, zumindestens Fragezeichen. Das Wunder hat sich nicht ereignet, also verfolgte ich, medial überfressen und doch ungesättigt, die aufregenden intellektuellen Thurner-Übungen der Wahlkonfrontationen im ORF, wo ich außer dem Parfum von Scheiße durch die Verdoppelung xenophober Scheußlichkeiten aus dem Großmaul der HaiderKlone und klischeehaften Phrasen der Großparteien, nur einen sympathischen, weil ehrlich wirkenden grünen Großvater entdecken konnte, der unbedingt Dritter werden und mitregieren will. Gähn.Und täglich grüßt das Murmeltier. Also poste ich vorerst nur ein altes Gedichtchen von Anfang Juni, das vor 10 Jahren schon mindestens ebenso aktuell war wie heute. Das Datum ist zwar so abgelaufen wie sämtliche Wahlversprechungen, aber was solls - Die Lügen werden ja auch gefressen. Guten Appetit!
5. Juni 2006-06-05
In der Endlosschleife
mangels demokratischer Reife
Wähler was bist du. Ein aufgeblasener Sack
Ein Spielball für politisches Lumpenpack
Der sprichwörtliche kleine Mann
Den man mit heißer Luft aufblasen kann
Bis er sich groß wähnt, mächtig und umschwärmt,
Der sich an Illusion und Lüge wärmt
Und der, was man ihm vorsetzt, folgsam frisst
Der alles glaubt und dann sogleich vergisst
Der wie ein Luftballon an dünnem Band
Hängt, ausgeliefert an der Kandidatenhand.
Mal rot, mal blau, orange, grün, was auch immer
Einfältig, eingefärbt und ohne Schimmer
Von dem was wirklich rund um ihn passiert
Weil ihn die Oberfläche nur interessiert
Das lauteste, bunteste, gewaltigste Spektakel
Politischer Feuerschlucker protzigstes Orakel.
Weil er genussvoll alles was ihn ablenkt frisst
Und dabei seine Mickrigkeit vergisst
Sein Duckertum, seine Geduld sein braves Folgsamsein
Seine Mitläuferschuld, dass er ein armes Schwein
Ist, in einer Welt aus Mist.
Dass er nach unten tritt, wenn er nach oben duckt
Dass er den Schwächeren auf die Köpfe spuckt
Wie gern er, der doch nichts zu melden hat
Den Mächtigen dient und herrscht an ihrer statt
In Uniform, zivil, im Rang ein Glied
Ein Hierarchiensprösschenuntertan
Seit ewig tönt das ewig gleiche Lied,
Trägt er der Mächtigen Joch und Schwert und Fahn`
Merzt er den Gegner aus und wenns der Bruder ist
Weil er verblendet Seel und Hirn vergisst.
So funktioniert auch jetzt Demokratie
Das Volk herrscht nicht, ist Stimm- und Stimmungsvieh
Zur Wahl stehen nur die Hirten und die Führer,
Herausgeputzte, laute Trommelrührer
Schaumschläger, Schmalzverkäufer, Suderanten,
Kurpfuscher, Bader, Lügenlieferanten
Falschmünzer, Trickbetrüger, Halsabschneider,
Möchtegernkaiserns „neue Kleider – Schneider“,
Die, wenn man sie am Kragen packt
Und in den nichtvorhandenen Kleidern schüttelt
Und prüft, auf Nieren und Gewissen
Zugeben müssen: Wir sind nackt!
Wir haben aus- gedient, geherrscht, gebüttelt!
Doch leider tut das niemand, ganz im Gegenteil
Die Eingeseiften hierzuland halten Maulaffen feil
Die Nasgeführten gehen zu Modeschauen
Und werfen Seitenblicke voller Schafsvertrauen
Auf ihre Leithammeln und Lügenbarden
Verschenken an jene die sie ins Verderben
Lenken, Milliarden und ernten nur die Scherben
Landeshauptleute, Finanzminister, Bankdirektoren
Die Verbrechermeute bleibt ganz ungeschoren
Und die Demokratie ganz ungeboren
Und die nächste Wahl, welch Infamie
geht höchstwahrscheinlich auch verloren
für die Menschlichkeit
Die Menschheit ist noch nicht soweit
Der Demokratie fehlt noch die Reife
Die Katze beisst sich wieder in den Schwanz
Und es beginnt der selbe Affentanz,
Dieselbe Endlosschleife:
Wähler was bist du
Ein aufgeblasener Sack
Ein Spielball für politisches
Lumpenpack
Der sprichwörtliche kleine Mann
Den man mit heisser Luft
Aufblasen kann …
Habe schon lange nichts mehr gebloggt. Hatte einfach keine Zeit und keinen Bock vor lauter grausigem Wahl-Bla-bla, Bawag-, Kampusch-, Pflegenotstands- Aufgeregtheiten. Österreich hat mir die Red verschlagen, also habe ich Österreich aufgeschlagen und von nun an musste ich nicht mehr selber denken. Österreich und die ganze Welt in schnuckeligen Appetithäppchen abgepackt plus Hochglanzsociety-Studentenfutter. Ich war überwältigt und sprachlos, stopfte News, Standard, Sonntagspresse, Kurier, Kronenzeitung heißhungrig in mich hinein, auf der Suche nach einem authentischen Halbsatz, was sage ich - einem stimulierenden Stichwort, Beistrich, zumindestens Fragezeichen. Das Wunder hat sich nicht ereignet, also verfolgte ich, medial überfressen und doch ungesättigt, die aufregenden intellektuellen Thurner-Übungen der Wahlkonfrontationen im ORF, wo ich außer dem Parfum von Scheiße durch die Verdoppelung xenophober Scheußlichkeiten aus dem Großmaul der HaiderKlone und klischeehaften Phrasen der Großparteien, nur einen sympathischen, weil ehrlich wirkenden grünen Großvater entdecken konnte, der unbedingt Dritter werden und mitregieren will. Gähn.Und täglich grüßt das Murmeltier. Also poste ich vorerst nur ein altes Gedichtchen von Anfang Juni, das vor 10 Jahren schon mindestens ebenso aktuell war wie heute. Das Datum ist zwar so abgelaufen wie sämtliche Wahlversprechungen, aber was solls - Die Lügen werden ja auch gefressen. Guten Appetit!
5. Juni 2006-06-05
In der Endlosschleife
mangels demokratischer Reife
Wähler was bist du. Ein aufgeblasener Sack
Ein Spielball für politisches Lumpenpack
Der sprichwörtliche kleine Mann
Den man mit heißer Luft aufblasen kann
Bis er sich groß wähnt, mächtig und umschwärmt,
Der sich an Illusion und Lüge wärmt
Und der, was man ihm vorsetzt, folgsam frisst
Der alles glaubt und dann sogleich vergisst
Der wie ein Luftballon an dünnem Band
Hängt, ausgeliefert an der Kandidatenhand.
Mal rot, mal blau, orange, grün, was auch immer
Einfältig, eingefärbt und ohne Schimmer
Von dem was wirklich rund um ihn passiert
Weil ihn die Oberfläche nur interessiert
Das lauteste, bunteste, gewaltigste Spektakel
Politischer Feuerschlucker protzigstes Orakel.
Weil er genussvoll alles was ihn ablenkt frisst
Und dabei seine Mickrigkeit vergisst
Sein Duckertum, seine Geduld sein braves Folgsamsein
Seine Mitläuferschuld, dass er ein armes Schwein
Ist, in einer Welt aus Mist.
Dass er nach unten tritt, wenn er nach oben duckt
Dass er den Schwächeren auf die Köpfe spuckt
Wie gern er, der doch nichts zu melden hat
Den Mächtigen dient und herrscht an ihrer statt
In Uniform, zivil, im Rang ein Glied
Ein Hierarchiensprösschenuntertan
Seit ewig tönt das ewig gleiche Lied,
Trägt er der Mächtigen Joch und Schwert und Fahn`
Merzt er den Gegner aus und wenns der Bruder ist
Weil er verblendet Seel und Hirn vergisst.
So funktioniert auch jetzt Demokratie
Das Volk herrscht nicht, ist Stimm- und Stimmungsvieh
Zur Wahl stehen nur die Hirten und die Führer,
Herausgeputzte, laute Trommelrührer
Schaumschläger, Schmalzverkäufer, Suderanten,
Kurpfuscher, Bader, Lügenlieferanten
Falschmünzer, Trickbetrüger, Halsabschneider,
Möchtegernkaiserns „neue Kleider – Schneider“,
Die, wenn man sie am Kragen packt
Und in den nichtvorhandenen Kleidern schüttelt
Und prüft, auf Nieren und Gewissen
Zugeben müssen: Wir sind nackt!
Wir haben aus- gedient, geherrscht, gebüttelt!
Doch leider tut das niemand, ganz im Gegenteil
Die Eingeseiften hierzuland halten Maulaffen feil
Die Nasgeführten gehen zu Modeschauen
Und werfen Seitenblicke voller Schafsvertrauen
Auf ihre Leithammeln und Lügenbarden
Verschenken an jene die sie ins Verderben
Lenken, Milliarden und ernten nur die Scherben
Landeshauptleute, Finanzminister, Bankdirektoren
Die Verbrechermeute bleibt ganz ungeschoren
Und die Demokratie ganz ungeboren
Und die nächste Wahl, welch Infamie
geht höchstwahrscheinlich auch verloren
für die Menschlichkeit
Die Menschheit ist noch nicht soweit
Der Demokratie fehlt noch die Reife
Die Katze beisst sich wieder in den Schwanz
Und es beginnt der selbe Affentanz,
Dieselbe Endlosschleife:
Wähler was bist du
Ein aufgeblasener Sack
Ein Spielball für politisches
Lumpenpack
Der sprichwörtliche kleine Mann
Den man mit heisser Luft
Aufblasen kann …
3.7.06
Blop so!
Willi Stelzhammer / Venedig in Simmering
Gedichte und Lieder / edition sonnberg
Buchpräsentation und Lesung als poetischer Krimi
Was macht „Venedig in Simmering“ in Döbling?
Auf den ersten Blick könnte man denken man/frau hätte sich in der Adresse geirrt. Das kleine Antiquariat „erlesenes“ von Joy Antoni, mit seinem schwarz lackierten Portal und seinem edlen Interieur, voll gut sortierter literarischer Leckerbissen, in der Weinberggasse 17, nicht weit vom Döblinger Sonnbergmarkt und Thomas Bernhard`s Obkirchergassen-Wien-absteige, könnte sehr gut auch in einer Veneziani-schen „Calle“ liegen, so südländisch hat es sich heute herausgeputzt. Kleine Fähnchen in Grün, Weiss, Rot (endiamo ragazzi), die sich bei näherer Betrachtung nicht als bunt behängte Wäscheleinen, sondern als vervielfältigte Abbilder des Buchcovers der Neuerscheinung der edition sonnberg entpuppen, umrahmen flatternd den für den festlichen Anlass improvisierten Gastgarten vor dem Geschäft und lassen eher an die Neueröffnung einer feurigen Pizzeria oder eines weiteren Eissalons denken, als an den Ort einer „vergeistigten“, dichterischen Heimsuchung. Erst der zweite Blick macht klar worum es wirklich geht. In der Antiquariatsauslage, unbescheiden hinter den riesigen Lettern eines Bachmanngedichts hervorlugend, blinkt, feierlich drapiert, das Objekt der heutigen Begierde als optischer Mittelpunkt: der neue Gedichtband von Willi Stelzhammer. Venedig in Simmering, Gedichte und Lieder, herausgegeben von der kleinen Döblinger edition sonnberg. Heute wird er hier vorgestellt und er blinkt wahrlich unverschämt, denn er ist mit einem kleinen Leuchtfußball geschmückt, - augenzwinkernde Reminiszenz an die Gottheit Fußball-WM, poetische Versöhnungsgeste an die unvermeidliche, weil unverwüstliche Populärkultur.
Im Antiquariat „erlesenes“
Das Antiquariat, bereits überfüllt und überhitzt, wird gleich aus allen Nähten platzen. Durch die Reihen der Klappsessel werden von flinken Händen Tabletts mit Prosecco und anderen probaten „Kühlmitteln“ balanciert, aus der Tonanlage temperiert die markante Stimme Fabrizio De Andrè`s das Raumklima. Einzig das Meer fehlt. Die Gondel ist schon da, allerdings als kleine Kitschminiatur auf dem gedrechselten Lesetischchen in der Ecke, wo sie mit ihren vielfarbigen Lichtlein, ungeduldig wie das Publikum, auf`s Ablegen zu warten scheint. Das Publikum, etwa siebzig Personen, viel zu zahlreich für die kleine Buchhandlung, ist geteilt in „die Drinnen“, die redlich schwitzen und „die Draußen“, die den lauen Sommerabend genießen und es gar nicht eilig haben. Auch hier regiert die bunte Mischung – Poesie kennt keine Grenzen - der Herkunft und Zugehörigkeit. Zu hören sind sie gekommen und auch selber zu plaudern – Familie, FreundInnen, Nachbarn, Kinder, die Lehrerin, Jugendliche, der Bezirksvorsteher, die bekannte Geschäftsfrau, die Pensionistin, der Uhudla-Verkäufer und Redakteur … Lesen und Poesie verbindet.
Pünktlich, mit einer halben Stunde Verspätung ,
endlich die „Erlesung“
Der Dichter selbst, nein - er ist kein lockiger Pizzalieferant und er bringt keine Schachteln mit „Pizza al fungi“, sondern warme, frischgebackene Gedichtbände, die später auch weggehen sollten wie die sprichwörtlichen „warmen Semmeln“ - ist eher untypisch. Weder blass noch introvertiert und mit erwähnter halbstündiger Verspätung beginnt er den schweißtreibenden Abend mit einem Gedicht, das seiner erst vor kurzem verstorbenen Mutter gewidmet ist, die, wie er sagt, zeitlebens sein bestes, dank-barstes, unermüdlichstes Publikum gewesen war und die, er sagt es und man glaubt und fühlt es auch irgendwie, auch diesmal zugegen ist. Die Mutter ist gegangen / Und hat mich lassen stehen / Ich streichelte ihre Wangen / Versprach ihr ein Wiedersehen (…) Dort wo keine Schmerzen wir haben / Alle Menschen sind freundlich und gleich / Alle Zwietracht und Streit sind begraben / Alle sind dort von Liebe so reich (…) Sahst aus Deinem Mantel von Leinen / Skeptischen Auges mich trotzig an / Deinen ewig träumenden Kleinen / Der die Wahrheit nicht fassen kann (…) Ich streichelte sanft ihre Wangen / Und schloss das Auge ihr zu / So schnell ist die Zeit vergangen / Dann bin ich nach Draußen gegangen / In Unruh und ließ sie in Ruh.
Diesem berührenden Beginn war eine kurze Vorstellung der „edition sonnberg“ und ihrer Pläne durch den Verlagsleiter Dr. Rainer Clauss vorgelagert gewesen, mit dem Hinweis, dass dieses Buch vom Bundeskanzleramt und von Wien Kultur gefördert wird. Daran hatte sich die Begrüßung der Gäste und die Danksagung des Autors an alle GeburtshelferInnen des Büchleins und MitgestalterInnen dieses Abends geschlossen:
„Ohne Joy Antoni und ihrem Antiquariat „erlesenes“ hätte es das Buch in dieser Form sicher nicht gegeben. Denn dieser Ort, so jung er ist, ist bereits zum „Carrefour“ der Ideen und Personen geworden und hier kam auch der Kontakt zu Herrn Dr. Clauss und seiner edition mit dem hübschen Namen sonnberg zustande, die gleich visavis von hier, sozusagen über die Straße , gelegen ist."
Pendel zwischen Poesie und Politik
Eine heiße, gute Stunde dauert dann die Lesung von Willi Stelzhammer, die von zwei mit ihm befreundeten Musikern, Isaak Loberan von der jiddischen Gruppe Scholem Aleijchem und Juan Neira, chilenischstämmiger Obmann des Stadtteilzentrum Simmering, „Centro 11“, das Willi Stelzhammer vor nunmehr 12 Jahren gegründet hatte, begleitet wurde. Stelzhammer folgte, in geraffter Form, dem Aufbau seines Gedicht-bandes, der eine Art poetisch-politischer Chronik seiner letzten zwanzig Jahre widerspiegelt und lud mit seltenem Charisma und melodischer Stimme, die den Sänger verriet, zu einer intimen, abwechslungsreichen Reise in innerste Gefühlswelten ( existenzielle Brüche und Widersprüche inklusive), evozierte Landschaften, Leiden-schaften, Jahreszeiten, Stimmungen und Verstimmungen, Zustände der Liebe und Trauer, des Verlustes, des Mitgefühls und der geteilten Freude. Kleine persönliche Berührungspunkte des Autors mit Ereignissen der jüngeren Zeitgeschichte kamen zum Vorschein, wie etwa in dem Gedicht Lichtermeer aus dem Jahre 1992, als er erfahren musste, dass zum erstenmal in Österreich das Mittel eines demokratischen Volks-begehrens gegen Menschen, als sogenanntes „Ausländervolksbegehren“ missbraucht werden sollte. Damals schrieb er: Hat das Meer Angst vorm Regen / Fühlt der Tropfen sich allein / Wenn die Wellen sich bewegen / Wirds ein Sturm im Glase sein (…) Gibt es Grenzen gegen Fluten / Gibt’s Gesetze gegen Recht / Ist das Inland Gut der Guten / Und das Ausland Knecht und schlecht (…) Wer den Wind sät wird Sturm ernten / sah schon Lämmer die zum Schlachten gingen / Und sich wehren lernten / Und den Wolf zur Strecke brachten (…)
Einen Monat später, im Jänner 1993, er war unterdessen Mitbegründer der Initiative SOS Mitmensch und einer der Hauptkoordinatoren des Lichtermeeres geworden, standen 259.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit am Heldenplatz.
Aber auch Begebenheiten des Alltags werden immer wieder gestreift, etwa im Kindergartenrap, wenn seine Tochter Elena sich nicht und nicht anziehen lassen will und er sie am liebsten an die Decke kleben würde. (…) Ich schleppe sie und ihren Sack / Bis in den Kindergarten / Natürlich kommen wir zu spät / Und alle Tanten warten (…) Nach außen hin bin ich ganz ruhig / Doch innerlich, da kocht er / Und jeder irrt sich, der da glaubt / Der Mann liebt seine Tochter
Zum Greifen dichte, tiefe Betroffenheit macht sich breit nach dem Gedicht „Täter-profil: Es war ein Einzeltäter“, diesem gewaltigen und schockierend eindringlichen Briefbombenrap gegen die kollektive Verdrängung der gesellschaftlichen Wurzeln von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit in unserem Land, gegen die allzubereite geschichtliche Amnesie der Österreicher, ihren Hang, auch als Täter und Mitläufer in die Opferrolle zu schlüpfen und den allzufreudig und erleichtert angenommenen Freispruch von aller Mitschuld und moralischen Mitverantwortung zu zelebrieren, da der Briefbombenattentäter und Rohrbombenmörder der Oberwarter Roma - trotz nachgewiesenem nationalsozialistischen Umfelds und zahlreicher unüberprüfter Hinweise und Indizien auf Mittäterschaft – ja letztlich doch nur ein „verrückter Einzeltäter“ gewesen sei. Schau in den Spiegel, was tust du dagegen / Wenn sich im Wirtshaus Fremdenfeinde regen / Wenn in der Kronenzeitung Tschuschenenwitze stehen / Skinheads in der U-Bahn hast du nie gesehen / Auch Schubhäftlinge nicht in ihren stinkenden Zellen / Bevor Fremdenpolizisten sie den Henkern überstellen / Du bist unschuldig, warst nirgendwo dabei / Gar nichts interessiert Dich, bist in keiner Partei / Du hast ein reines Gewissen / Hast nur immer mitgebellt / nie selber gebissen / Dich nie dagegen gestellt / Du hast niemandem den Finger weggerissen / Du hast niemandem den Finger weggerissen (…)
Es war ein Einzeltäter, es war ein Einzeltäter / Ein Heinzeltäter, wie die Heinzelmännchen werken / Wenn die braven Schafe schlafen / „Ach wie gut, dass Schlögl weiß, dass ich Einzeltäter heiß“ / Es war ein unpolitischer Einzeltäter.
Immer wieder brandet Applaus auf auch für die stilleren Themen und Momente, die „aus dem Herzen der kleinen Dinge“ kommen, das Einfache, das laut Brecht "so schwer zu machen ist" und das der Autor ebenso wie Franz Schuh vielleicht für das Komplexeste und Unbegreiflichste in und an unserem Leben überhaupt, hält – die Banalität und das tägliche Wunder des Lebens in allen seinen Manifestationen. Das Zentrum liegt im Nebenbei könnte das Motto dieser Gedichte auch heissen, wenn ein zerbrechlicher Alter hoch auf den Sprossen einer Leiter steht, um in akrobatischer Verrenkung einen alten Ast abzusägen, der ihn stört. (…) der Baum wird stehen /lange nach ihm und Früchte tragen / die er heut ersehnt, oder wenn nach einem langen Winter eine Amsel ihr Bad im Frühlingsregen nimmt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auch Alter und Tod werden angesprochen, ausgesprochen, nicht verdrängt und schamvoll verhängt, auch nicht exorziert, einfach zugelassen, weil es sie gibt, als Teil unseres Lebens, fernab der Hochglanzmagazine, Moden und Trends. Eros und Thanatos im Alters-heim: (…) Noch lebt ihr, pulst das Blut durch euren Leib, dürr, ausgemergelt / aber ähnlich noch dem Menschenbild / Mysterium Leben – was ist schön? – der Seele Schatten und der Liebe Furchen / Wo ist vergangener Freud und Lust Verbleib / zerklüfteten, schwarzen Olivenwaldes Weib / vergangener Schlachten Mann mit brüchigem Schild / umzingelt schon von Drachen und von Lurchen?
Gleich darauf, im nächsten Gedicht stehen ihnen ein türkisches Mädel und ein tschechischer Bub gegenüber, umschlungen in der U-Bahn (…) schmal, schwarz mit / Kopftuch die eine / blond, groß, mit Muskeln / der andere (…) und spielen das ewige Spiel (…) die Jahreszeit, das Jahr / die Politik, die Herkunft / sind unbedeutend im Funkenschlag / der ersten Gefühle
.
Die Liebe fragt nicht was sie darf
Vor allem kommt bei Stelzhammer die Liebe nicht zu kurz. Sie ist, wie er selbst sagt, sein wichtigster Antrieb für alles (…) Nur in der Liebe ist die Freiheit auch / Und ohne Liebe ist da nur der Tod / Die Kälte und ein leeres Rettungsboot / Kein Feuer mehr und nicht einmal mehr Rauch. und die Liebe hat für ihn viele Gesichter und Formen und Zeiten (…) Wenn die Liebe alt ist / und zärtlich und leuchtet / drehen sich die Jungen eifersüchtig nach ihr um (…) und (…) Die Liebe / fragt nicht was sie darf / sie tut es / Die Liebe ist in / jedem Falle scharf / und Freundin dunklen, roten / frischen Blutes (…). Aber auch wenn sie einmal zu fest zugebissen hat, scheint es für ihn noch Tröstliches zu geben (…) Doch unerhofft kommt sie wieder / Und streift mich mit ihrem Gefieder / wenn ich unglücklich bin
Die Liebe, die große Liebe, die unaussprechlich abgelutschte, abgedroschene, bis zum Überdruss besungene Liebe, wer (wen) verfolgt sie nicht? Auch Stelzhammer tut es, unermüdlich, unverbesserlich, unbelehrbar. Er sucht und singt und findet sie so vielleicht auf seine Weise. Auch noch auf dem Flohmarkt Auf dem Flohmarkt / kaufe ich eine ewig / blühende Rose / und ein unzerstörbares Herz aus / Porzellan / und Schneekristalle / und einen blauen Winterhimmel / und eine gut erhaltene / Hoffnung auf Frühling / und Liebe / eine Sonne / und einen Spiegel / mit dem unauslöschlichen / Bild von Dir.
Dichter haben bekanntlich kein Geld, nagen am Hungertuch. Dichten ist eine brotlose Kunst. Uiii Jeee – schon wieder ein Klischee! Nein, Tatsache. Tatsache aber auch, dass er sich am Rand wohlfühlen kann, oder überhaupt fühlen. Ist das in unserer hektischen, egoistischen, schnelllebigen traurig und einsam machenden Zeit nicht ein beinahe unbezahlbarer Luxus geworden. Der Einzige den man/frau sich um Himmels willen wirklich leisten sollte, weil er üerlebenswichtig ist. Hedonismus in vollen Zügen. Gratis. Weit wichtiger als jedes Penthouse und jedes Pöstchen. Am Rand der Schlachten / abseits des verzischenden Ruhmes / des vergänglichen Besitzes / im Hinterhof der geltenden Zeit / des zeitigen Geldes / blinzle ich in die / Sonne und / spür mein Herz schlagen / reich an Hunger / und Durst / wach und offen / im Lichthof zwischen / den Warenbergen.(…)
Aus Tiefsinnigem und Nachdenklichem soll offenbar nicht zuviel des Guten werden und deshalb wird zwischendrin immer wieder einmal auch etwas heiteres serviert, etwa wenn Kater Rudolf, zwecks Traumdeutung, zu einem Mäusepsychiater geht, der ihm einredet, dass seine Albträume in denen er von Mäusemeuten gefressen wird, völlig normal seien und dass Kater durchaus keine Mäuse fressen. Niemals. (…) Zum Mäusefreund manipuliert / ist Rudolf seither ganz verwirrt / Moral: Such Dir als Traumberater / doch lieber einen „Psychikater“
Ja, dieser Leseabend ist durchaus auch für kleinere Kinder gedacht (…) Wenn das Buch zur Schule geht / will es, dass die Kinder lesen / was darin geschrieben steht / was der Hahn vom Kirchturm kräht / wohin der Wind die Blätter wht / warum sich die Erde dreht / und reiten Hexen wirklich auf Besen
Das Leben bebt
Freilich konnten so bedeutende Fragen wie diese, ebenso wie viele andere, weit weniger wichtige auch, an diesem Abend nicht ausreichend beantwortet werden. Dafür wurden jede Menge neue gestellt. Brennende, aktuelle Fragen, darunter auch die, die aus den brennenden Banlieus von Paris erst kürzlich unauslöschlich emporschlugen und auf die wir, allen voran unsere „Regierungsfeuerwehren“ dringend Antworten finden sollten, wenn das friedliche Zusammenleben in und mit Europa weiterhin möglich sein soll. (…) Junge aus der Vorstadt was ist los mit dir? / Du führst dich auf und / sie hetzen dich wie ein wildes Tier / Zwischen allen falschen Fronten / Zwischen Vorhut und Spalier / bist du auch ein Stück von mir / jetzt und hier (…) Du sitzt in unseren Parks, unbeachtet / ohne Arbeit, voll entmachtet / Keiner streift an dich je an / Rüttelst an Europas Toren / sitzt im Zentrum schon verloren / Wünschst du wärest nie geboren / blinder Passagier, erfroren / kommst im Wohlstandsland du an / Kommst du nirgends an (…) Das Problem ist sichtbar geworden / an den Zäunen Europas, im Zentrum / Ausländerhäuser brannten wenig vorher / Schon vergessen? / Das Maß ist voll, maßvolles Teilen ist angesagt / Autos und Energie / Überfluss und Verschmutzung / Faschismus der Gleichgültigkeit / Kriege, Tsunamis, Hurricans, Seuchen / Aids, Erdbeben, Vogelpest / Faschismus der Gleichgültigkeit / Bebendes Leben / Versunken in unser Ego – das Leben bebt!
Das Leben bebt / die Welle frisst / der Wind zerstört / Der Mensch vergisst /
was er begräbt / bleibt unerhört
Die Luft verschmutzt / das Wasser schwindet / das Öl versiegt / Der Mensch erfindet / nur was ihm nutzt / und ihn besiegt.
Es ist jetzt Zeit / die Zeit wird knapp / sich zu besinnen / Kurs auf das Kap / Mitmenschlichkeit / Aufstand von Innen!
Mit diesem dringlichen Appell, der leider nicht so schnell als Headlines in einer Tageszeitung erscheinen wird, geschweige denn im ORF und nachstehendem „Mystischen Wunsch“ endete die Lesung Die reine Schale meines Herzens / neige ich dem Dreck der Straße / setze sie dir an die Lippen – trink, du Tier aus dieser Tränke / du gehetztes, namenloses, aus den Äsungen des Dunklen / in den Schein der Zeit getreten (…) Schreib mir nicht, du Unbekannte / mit dem Blut an deinen Fingern / Worte, die die Nacht diktierte / an die hoffnungslose Stirne / Trinke, doch ertrinke nicht.
Zwanzig Jahre, geballt in einer intensiven, „heissen“ Stunde. Dichter und Musiker wurden mit nachhaltigem Applaus belohnt, das Publikum mit dem Entlass in einen wunderschönen, kühlen Döblinger Juniabend, wo das eben Gehörte, für manche vielleicht Verstörende, ergänzt, gelobt und kritisiert, mit eigenen Kommentaren und angeregten Diskussionen versehen, bei Prosecco, Bier, Wein, Mineral und Trzniewski-Brötchen gebührend nachhallen und ausklingen konnte. Der Dichter war minutenlang in einer Welle von Signierungswütigen verschwunden und vermutlich ebenso wie Verleger Dr. Clauss und Gastgeberin und Veranstalterin Joy Antoni mit der gelungenen Veranstaltung zufrieden. In der allgemeinen Ausgelassenheit holten sich einige unermüdliche und unersättliche ZuhörerInnen noch ihren kleinen Nachschlag an Gedichten. Aus dieser Zugabe bleibe ein 1. Mai – Aufruf - den der SPÖ-Chef, laut Auskunft des Autors nur deshalb nicht am Rathausplatz hatte halten können, weil der „Ghostwriter“ bedauerlicherweise den Tag der Arbeit verschlafen hatte – der interessierten Nachwelt nicht vorenthalten. Wer weiss ob sonst die ganze leidige Geschichte nicht schon längst einen ganz anderen Verlauf genommen hätte.
Aufruf zum 1. Mai: Etwas weniger fressen / Etwas weniger besessen kaufen / Etwas mehr das Eigene vergessen / Nicht mit- selbstständig laufen!
Aufs Tabula Rasa nicht warten / Skandale selber aufdecken / Penthouse und Privilegiengarten / Öffnen, nicht ängstlich verstecken!
Supergagen verschenken / Breitarsch vom Machtsessel heben / Aufhören zu lenken – denken / Kampfgeist wiederbeleben!
Globalisierung hinterfragen / Gewerkschaftsarbeit machen / Widerstand wagen / Weltweit entfachen!
Wirtschaft demokratisieren / Gerechtigkeit schaffen / Dafür, ihr Affen / Lohnts zu demonstrieren.
Am Schluss war alles klar
Keine Angst, es blieb bei einer gut besuchten Lesung. Niemand demonstrierte. Die einzige Demonstration war die der allgemeinen guten Laune. Außerdem demonstrierten in allen Lokalen der Welt ab 21 Uhr auf Großleinwänden Fußballer ihre Fußballkunst-stücke. Und das wars auch schon, von wegen Demonstration. Wäre ja noch schöner. Es wurde Zeit zu gehen, mit der Zeit. Die Poesie hatte ihr Stündchen gehabt. Ihr Sternstündchen. Nun war sie wieder bereit zur Normalisierung, brav den Platz einzunehmen, der ihr zusteht. Aus der Traum von Poesie an der Macht. Ganz wie im richtigen Leben, wo die Lyrik ihr Stiefmütterchendasein in den hintersten Regalen der Unterhaltunggsliteratur – und Romankonsummaschinerie fristet, meist bleichwangig und mondsüchtig, ganz wie die Zivilgesellschaft und die Demokratie, etwas angestaubt und kaum vorhanden. Doch bisweilen tritt Arlequino auf die Straße, mit oder ohne Colombine, mit oder ohne Mandoline, mit oder ohne Gondel, aber immer mitten unter die Pierrots, mitten unter die Leute und singt und rüttelt und wiegelt auf zu einem Aufstand der Herzlichkeit, der Vernunft, der Liebe und der Schönheit, gegen die Windmühlen, für ein poetisches Leben eben. Wie schreibt Stelzhammer in der Ergänzung seines Lebenslaufes Straßenkomödiantisch und marktschreierisch: Bin geboren in Simmering / Wo mein Lebnslauf anfing / 68 wurd ich munter / Kam von der Welle niemals runter / Zwischendurch in Frankreich war ich / Schön wars, heiss und ziemlich haarig / Schrieb Musiktheaterstücke / Gedichte, Lieder und Pamphlete / Hatte alles außer Knete / Dann zurück zur Waldheimzeit / Machte ich in Wien mich breit / Gründete ein Stadtteilzentrum / Trieb mich zivilgesellschaftlich rum / Nicht, dass das schon alles wäre / Ich erfand auch Lichtermeere / Trat für freie Radios ein / Ließ das Dichten niemals sein / Seit 2000 Wendeschande / Bin ich bös aufs Vaterlande / Akzeptier nicht die Regierung / Lehne ab Normalisierung / Doch seit alle resignieren / Donnerstags nicht mehr marschieren / Wird auch mein Gemüte schlichte / Und ich schreib nur mehr Gedichte / Dieses ist mein Lebenslauf / Und nun lieber Leser kauf!
Aha, so ist das also. Von wegen. Keine Spur mehr von romantischer Träumerei, wie in dem Gedicht, das dem Band seinen Titel gab und wo es so blauäugig und harmlos heißt: Wenn Venedig in Simmering wär und der Mond und die Sterne wären ganz nah (…) und: (…) Ach, wenn Simmering einmal Venedig wäre / Alle Hoffnungslosigkeit wäre Tanz (…) Statt dessen: (…) Und jetzt lieber Leser kauf! Nicht nur politisch unkorrekt, weil die feminine Form dem Reimzwang geopfert wurde, nein, offene, scham-lose, beinharte Geschäftemacherei
Jetzt endlich war mir klar warum heute Abend „Venedig in Simmering“ in Döbling zu Gast war und es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich hörte auf einmal ein lautes und deutliches „Blop“. Natürlich, das war es – um reich zu werden! Bloß so
Gedichte und Lieder / edition sonnberg
Buchpräsentation und Lesung als poetischer Krimi
Was macht „Venedig in Simmering“ in Döbling?
Auf den ersten Blick könnte man denken man/frau hätte sich in der Adresse geirrt. Das kleine Antiquariat „erlesenes“ von Joy Antoni, mit seinem schwarz lackierten Portal und seinem edlen Interieur, voll gut sortierter literarischer Leckerbissen, in der Weinberggasse 17, nicht weit vom Döblinger Sonnbergmarkt und Thomas Bernhard`s Obkirchergassen-Wien-absteige, könnte sehr gut auch in einer Veneziani-schen „Calle“ liegen, so südländisch hat es sich heute herausgeputzt. Kleine Fähnchen in Grün, Weiss, Rot (endiamo ragazzi), die sich bei näherer Betrachtung nicht als bunt behängte Wäscheleinen, sondern als vervielfältigte Abbilder des Buchcovers der Neuerscheinung der edition sonnberg entpuppen, umrahmen flatternd den für den festlichen Anlass improvisierten Gastgarten vor dem Geschäft und lassen eher an die Neueröffnung einer feurigen Pizzeria oder eines weiteren Eissalons denken, als an den Ort einer „vergeistigten“, dichterischen Heimsuchung. Erst der zweite Blick macht klar worum es wirklich geht. In der Antiquariatsauslage, unbescheiden hinter den riesigen Lettern eines Bachmanngedichts hervorlugend, blinkt, feierlich drapiert, das Objekt der heutigen Begierde als optischer Mittelpunkt: der neue Gedichtband von Willi Stelzhammer. Venedig in Simmering, Gedichte und Lieder, herausgegeben von der kleinen Döblinger edition sonnberg. Heute wird er hier vorgestellt und er blinkt wahrlich unverschämt, denn er ist mit einem kleinen Leuchtfußball geschmückt, - augenzwinkernde Reminiszenz an die Gottheit Fußball-WM, poetische Versöhnungsgeste an die unvermeidliche, weil unverwüstliche Populärkultur.
Im Antiquariat „erlesenes“
Das Antiquariat, bereits überfüllt und überhitzt, wird gleich aus allen Nähten platzen. Durch die Reihen der Klappsessel werden von flinken Händen Tabletts mit Prosecco und anderen probaten „Kühlmitteln“ balanciert, aus der Tonanlage temperiert die markante Stimme Fabrizio De Andrè`s das Raumklima. Einzig das Meer fehlt. Die Gondel ist schon da, allerdings als kleine Kitschminiatur auf dem gedrechselten Lesetischchen in der Ecke, wo sie mit ihren vielfarbigen Lichtlein, ungeduldig wie das Publikum, auf`s Ablegen zu warten scheint. Das Publikum, etwa siebzig Personen, viel zu zahlreich für die kleine Buchhandlung, ist geteilt in „die Drinnen“, die redlich schwitzen und „die Draußen“, die den lauen Sommerabend genießen und es gar nicht eilig haben. Auch hier regiert die bunte Mischung – Poesie kennt keine Grenzen - der Herkunft und Zugehörigkeit. Zu hören sind sie gekommen und auch selber zu plaudern – Familie, FreundInnen, Nachbarn, Kinder, die Lehrerin, Jugendliche, der Bezirksvorsteher, die bekannte Geschäftsfrau, die Pensionistin, der Uhudla-Verkäufer und Redakteur … Lesen und Poesie verbindet.
Pünktlich, mit einer halben Stunde Verspätung ,
endlich die „Erlesung“
Der Dichter selbst, nein - er ist kein lockiger Pizzalieferant und er bringt keine Schachteln mit „Pizza al fungi“, sondern warme, frischgebackene Gedichtbände, die später auch weggehen sollten wie die sprichwörtlichen „warmen Semmeln“ - ist eher untypisch. Weder blass noch introvertiert und mit erwähnter halbstündiger Verspätung beginnt er den schweißtreibenden Abend mit einem Gedicht, das seiner erst vor kurzem verstorbenen Mutter gewidmet ist, die, wie er sagt, zeitlebens sein bestes, dank-barstes, unermüdlichstes Publikum gewesen war und die, er sagt es und man glaubt und fühlt es auch irgendwie, auch diesmal zugegen ist. Die Mutter ist gegangen / Und hat mich lassen stehen / Ich streichelte ihre Wangen / Versprach ihr ein Wiedersehen (…) Dort wo keine Schmerzen wir haben / Alle Menschen sind freundlich und gleich / Alle Zwietracht und Streit sind begraben / Alle sind dort von Liebe so reich (…) Sahst aus Deinem Mantel von Leinen / Skeptischen Auges mich trotzig an / Deinen ewig träumenden Kleinen / Der die Wahrheit nicht fassen kann (…) Ich streichelte sanft ihre Wangen / Und schloss das Auge ihr zu / So schnell ist die Zeit vergangen / Dann bin ich nach Draußen gegangen / In Unruh und ließ sie in Ruh.
Diesem berührenden Beginn war eine kurze Vorstellung der „edition sonnberg“ und ihrer Pläne durch den Verlagsleiter Dr. Rainer Clauss vorgelagert gewesen, mit dem Hinweis, dass dieses Buch vom Bundeskanzleramt und von Wien Kultur gefördert wird. Daran hatte sich die Begrüßung der Gäste und die Danksagung des Autors an alle GeburtshelferInnen des Büchleins und MitgestalterInnen dieses Abends geschlossen:
„Ohne Joy Antoni und ihrem Antiquariat „erlesenes“ hätte es das Buch in dieser Form sicher nicht gegeben. Denn dieser Ort, so jung er ist, ist bereits zum „Carrefour“ der Ideen und Personen geworden und hier kam auch der Kontakt zu Herrn Dr. Clauss und seiner edition mit dem hübschen Namen sonnberg zustande, die gleich visavis von hier, sozusagen über die Straße , gelegen ist."
Pendel zwischen Poesie und Politik
Eine heiße, gute Stunde dauert dann die Lesung von Willi Stelzhammer, die von zwei mit ihm befreundeten Musikern, Isaak Loberan von der jiddischen Gruppe Scholem Aleijchem und Juan Neira, chilenischstämmiger Obmann des Stadtteilzentrum Simmering, „Centro 11“, das Willi Stelzhammer vor nunmehr 12 Jahren gegründet hatte, begleitet wurde. Stelzhammer folgte, in geraffter Form, dem Aufbau seines Gedicht-bandes, der eine Art poetisch-politischer Chronik seiner letzten zwanzig Jahre widerspiegelt und lud mit seltenem Charisma und melodischer Stimme, die den Sänger verriet, zu einer intimen, abwechslungsreichen Reise in innerste Gefühlswelten ( existenzielle Brüche und Widersprüche inklusive), evozierte Landschaften, Leiden-schaften, Jahreszeiten, Stimmungen und Verstimmungen, Zustände der Liebe und Trauer, des Verlustes, des Mitgefühls und der geteilten Freude. Kleine persönliche Berührungspunkte des Autors mit Ereignissen der jüngeren Zeitgeschichte kamen zum Vorschein, wie etwa in dem Gedicht Lichtermeer aus dem Jahre 1992, als er erfahren musste, dass zum erstenmal in Österreich das Mittel eines demokratischen Volks-begehrens gegen Menschen, als sogenanntes „Ausländervolksbegehren“ missbraucht werden sollte. Damals schrieb er: Hat das Meer Angst vorm Regen / Fühlt der Tropfen sich allein / Wenn die Wellen sich bewegen / Wirds ein Sturm im Glase sein (…) Gibt es Grenzen gegen Fluten / Gibt’s Gesetze gegen Recht / Ist das Inland Gut der Guten / Und das Ausland Knecht und schlecht (…) Wer den Wind sät wird Sturm ernten / sah schon Lämmer die zum Schlachten gingen / Und sich wehren lernten / Und den Wolf zur Strecke brachten (…)
Einen Monat später, im Jänner 1993, er war unterdessen Mitbegründer der Initiative SOS Mitmensch und einer der Hauptkoordinatoren des Lichtermeeres geworden, standen 259.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit am Heldenplatz.
Aber auch Begebenheiten des Alltags werden immer wieder gestreift, etwa im Kindergartenrap, wenn seine Tochter Elena sich nicht und nicht anziehen lassen will und er sie am liebsten an die Decke kleben würde. (…) Ich schleppe sie und ihren Sack / Bis in den Kindergarten / Natürlich kommen wir zu spät / Und alle Tanten warten (…) Nach außen hin bin ich ganz ruhig / Doch innerlich, da kocht er / Und jeder irrt sich, der da glaubt / Der Mann liebt seine Tochter
Zum Greifen dichte, tiefe Betroffenheit macht sich breit nach dem Gedicht „Täter-profil: Es war ein Einzeltäter“, diesem gewaltigen und schockierend eindringlichen Briefbombenrap gegen die kollektive Verdrängung der gesellschaftlichen Wurzeln von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit in unserem Land, gegen die allzubereite geschichtliche Amnesie der Österreicher, ihren Hang, auch als Täter und Mitläufer in die Opferrolle zu schlüpfen und den allzufreudig und erleichtert angenommenen Freispruch von aller Mitschuld und moralischen Mitverantwortung zu zelebrieren, da der Briefbombenattentäter und Rohrbombenmörder der Oberwarter Roma - trotz nachgewiesenem nationalsozialistischen Umfelds und zahlreicher unüberprüfter Hinweise und Indizien auf Mittäterschaft – ja letztlich doch nur ein „verrückter Einzeltäter“ gewesen sei. Schau in den Spiegel, was tust du dagegen / Wenn sich im Wirtshaus Fremdenfeinde regen / Wenn in der Kronenzeitung Tschuschenenwitze stehen / Skinheads in der U-Bahn hast du nie gesehen / Auch Schubhäftlinge nicht in ihren stinkenden Zellen / Bevor Fremdenpolizisten sie den Henkern überstellen / Du bist unschuldig, warst nirgendwo dabei / Gar nichts interessiert Dich, bist in keiner Partei / Du hast ein reines Gewissen / Hast nur immer mitgebellt / nie selber gebissen / Dich nie dagegen gestellt / Du hast niemandem den Finger weggerissen / Du hast niemandem den Finger weggerissen (…)
Es war ein Einzeltäter, es war ein Einzeltäter / Ein Heinzeltäter, wie die Heinzelmännchen werken / Wenn die braven Schafe schlafen / „Ach wie gut, dass Schlögl weiß, dass ich Einzeltäter heiß“ / Es war ein unpolitischer Einzeltäter.
Immer wieder brandet Applaus auf auch für die stilleren Themen und Momente, die „aus dem Herzen der kleinen Dinge“ kommen, das Einfache, das laut Brecht "so schwer zu machen ist" und das der Autor ebenso wie Franz Schuh vielleicht für das Komplexeste und Unbegreiflichste in und an unserem Leben überhaupt, hält – die Banalität und das tägliche Wunder des Lebens in allen seinen Manifestationen. Das Zentrum liegt im Nebenbei könnte das Motto dieser Gedichte auch heissen, wenn ein zerbrechlicher Alter hoch auf den Sprossen einer Leiter steht, um in akrobatischer Verrenkung einen alten Ast abzusägen, der ihn stört. (…) der Baum wird stehen /lange nach ihm und Früchte tragen / die er heut ersehnt, oder wenn nach einem langen Winter eine Amsel ihr Bad im Frühlingsregen nimmt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auch Alter und Tod werden angesprochen, ausgesprochen, nicht verdrängt und schamvoll verhängt, auch nicht exorziert, einfach zugelassen, weil es sie gibt, als Teil unseres Lebens, fernab der Hochglanzmagazine, Moden und Trends. Eros und Thanatos im Alters-heim: (…) Noch lebt ihr, pulst das Blut durch euren Leib, dürr, ausgemergelt / aber ähnlich noch dem Menschenbild / Mysterium Leben – was ist schön? – der Seele Schatten und der Liebe Furchen / Wo ist vergangener Freud und Lust Verbleib / zerklüfteten, schwarzen Olivenwaldes Weib / vergangener Schlachten Mann mit brüchigem Schild / umzingelt schon von Drachen und von Lurchen?
Gleich darauf, im nächsten Gedicht stehen ihnen ein türkisches Mädel und ein tschechischer Bub gegenüber, umschlungen in der U-Bahn (…) schmal, schwarz mit / Kopftuch die eine / blond, groß, mit Muskeln / der andere (…) und spielen das ewige Spiel (…) die Jahreszeit, das Jahr / die Politik, die Herkunft / sind unbedeutend im Funkenschlag / der ersten Gefühle
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Die Liebe fragt nicht was sie darf
Vor allem kommt bei Stelzhammer die Liebe nicht zu kurz. Sie ist, wie er selbst sagt, sein wichtigster Antrieb für alles (…) Nur in der Liebe ist die Freiheit auch / Und ohne Liebe ist da nur der Tod / Die Kälte und ein leeres Rettungsboot / Kein Feuer mehr und nicht einmal mehr Rauch. und die Liebe hat für ihn viele Gesichter und Formen und Zeiten (…) Wenn die Liebe alt ist / und zärtlich und leuchtet / drehen sich die Jungen eifersüchtig nach ihr um (…) und (…) Die Liebe / fragt nicht was sie darf / sie tut es / Die Liebe ist in / jedem Falle scharf / und Freundin dunklen, roten / frischen Blutes (…). Aber auch wenn sie einmal zu fest zugebissen hat, scheint es für ihn noch Tröstliches zu geben (…) Doch unerhofft kommt sie wieder / Und streift mich mit ihrem Gefieder / wenn ich unglücklich bin
Die Liebe, die große Liebe, die unaussprechlich abgelutschte, abgedroschene, bis zum Überdruss besungene Liebe, wer (wen) verfolgt sie nicht? Auch Stelzhammer tut es, unermüdlich, unverbesserlich, unbelehrbar. Er sucht und singt und findet sie so vielleicht auf seine Weise. Auch noch auf dem Flohmarkt Auf dem Flohmarkt / kaufe ich eine ewig / blühende Rose / und ein unzerstörbares Herz aus / Porzellan / und Schneekristalle / und einen blauen Winterhimmel / und eine gut erhaltene / Hoffnung auf Frühling / und Liebe / eine Sonne / und einen Spiegel / mit dem unauslöschlichen / Bild von Dir.
Dichter haben bekanntlich kein Geld, nagen am Hungertuch. Dichten ist eine brotlose Kunst. Uiii Jeee – schon wieder ein Klischee! Nein, Tatsache. Tatsache aber auch, dass er sich am Rand wohlfühlen kann, oder überhaupt fühlen. Ist das in unserer hektischen, egoistischen, schnelllebigen traurig und einsam machenden Zeit nicht ein beinahe unbezahlbarer Luxus geworden. Der Einzige den man/frau sich um Himmels willen wirklich leisten sollte, weil er üerlebenswichtig ist. Hedonismus in vollen Zügen. Gratis. Weit wichtiger als jedes Penthouse und jedes Pöstchen. Am Rand der Schlachten / abseits des verzischenden Ruhmes / des vergänglichen Besitzes / im Hinterhof der geltenden Zeit / des zeitigen Geldes / blinzle ich in die / Sonne und / spür mein Herz schlagen / reich an Hunger / und Durst / wach und offen / im Lichthof zwischen / den Warenbergen.(…)
Aus Tiefsinnigem und Nachdenklichem soll offenbar nicht zuviel des Guten werden und deshalb wird zwischendrin immer wieder einmal auch etwas heiteres serviert, etwa wenn Kater Rudolf, zwecks Traumdeutung, zu einem Mäusepsychiater geht, der ihm einredet, dass seine Albträume in denen er von Mäusemeuten gefressen wird, völlig normal seien und dass Kater durchaus keine Mäuse fressen. Niemals. (…) Zum Mäusefreund manipuliert / ist Rudolf seither ganz verwirrt / Moral: Such Dir als Traumberater / doch lieber einen „Psychikater“
Ja, dieser Leseabend ist durchaus auch für kleinere Kinder gedacht (…) Wenn das Buch zur Schule geht / will es, dass die Kinder lesen / was darin geschrieben steht / was der Hahn vom Kirchturm kräht / wohin der Wind die Blätter wht / warum sich die Erde dreht / und reiten Hexen wirklich auf Besen
Das Leben bebt
Freilich konnten so bedeutende Fragen wie diese, ebenso wie viele andere, weit weniger wichtige auch, an diesem Abend nicht ausreichend beantwortet werden. Dafür wurden jede Menge neue gestellt. Brennende, aktuelle Fragen, darunter auch die, die aus den brennenden Banlieus von Paris erst kürzlich unauslöschlich emporschlugen und auf die wir, allen voran unsere „Regierungsfeuerwehren“ dringend Antworten finden sollten, wenn das friedliche Zusammenleben in und mit Europa weiterhin möglich sein soll. (…) Junge aus der Vorstadt was ist los mit dir? / Du führst dich auf und / sie hetzen dich wie ein wildes Tier / Zwischen allen falschen Fronten / Zwischen Vorhut und Spalier / bist du auch ein Stück von mir / jetzt und hier (…) Du sitzt in unseren Parks, unbeachtet / ohne Arbeit, voll entmachtet / Keiner streift an dich je an / Rüttelst an Europas Toren / sitzt im Zentrum schon verloren / Wünschst du wärest nie geboren / blinder Passagier, erfroren / kommst im Wohlstandsland du an / Kommst du nirgends an (…) Das Problem ist sichtbar geworden / an den Zäunen Europas, im Zentrum / Ausländerhäuser brannten wenig vorher / Schon vergessen? / Das Maß ist voll, maßvolles Teilen ist angesagt / Autos und Energie / Überfluss und Verschmutzung / Faschismus der Gleichgültigkeit / Kriege, Tsunamis, Hurricans, Seuchen / Aids, Erdbeben, Vogelpest / Faschismus der Gleichgültigkeit / Bebendes Leben / Versunken in unser Ego – das Leben bebt!
Das Leben bebt / die Welle frisst / der Wind zerstört / Der Mensch vergisst /
was er begräbt / bleibt unerhört
Die Luft verschmutzt / das Wasser schwindet / das Öl versiegt / Der Mensch erfindet / nur was ihm nutzt / und ihn besiegt.
Es ist jetzt Zeit / die Zeit wird knapp / sich zu besinnen / Kurs auf das Kap / Mitmenschlichkeit / Aufstand von Innen!
Mit diesem dringlichen Appell, der leider nicht so schnell als Headlines in einer Tageszeitung erscheinen wird, geschweige denn im ORF und nachstehendem „Mystischen Wunsch“ endete die Lesung Die reine Schale meines Herzens / neige ich dem Dreck der Straße / setze sie dir an die Lippen – trink, du Tier aus dieser Tränke / du gehetztes, namenloses, aus den Äsungen des Dunklen / in den Schein der Zeit getreten (…) Schreib mir nicht, du Unbekannte / mit dem Blut an deinen Fingern / Worte, die die Nacht diktierte / an die hoffnungslose Stirne / Trinke, doch ertrinke nicht.
Zwanzig Jahre, geballt in einer intensiven, „heissen“ Stunde. Dichter und Musiker wurden mit nachhaltigem Applaus belohnt, das Publikum mit dem Entlass in einen wunderschönen, kühlen Döblinger Juniabend, wo das eben Gehörte, für manche vielleicht Verstörende, ergänzt, gelobt und kritisiert, mit eigenen Kommentaren und angeregten Diskussionen versehen, bei Prosecco, Bier, Wein, Mineral und Trzniewski-Brötchen gebührend nachhallen und ausklingen konnte. Der Dichter war minutenlang in einer Welle von Signierungswütigen verschwunden und vermutlich ebenso wie Verleger Dr. Clauss und Gastgeberin und Veranstalterin Joy Antoni mit der gelungenen Veranstaltung zufrieden. In der allgemeinen Ausgelassenheit holten sich einige unermüdliche und unersättliche ZuhörerInnen noch ihren kleinen Nachschlag an Gedichten. Aus dieser Zugabe bleibe ein 1. Mai – Aufruf - den der SPÖ-Chef, laut Auskunft des Autors nur deshalb nicht am Rathausplatz hatte halten können, weil der „Ghostwriter“ bedauerlicherweise den Tag der Arbeit verschlafen hatte – der interessierten Nachwelt nicht vorenthalten. Wer weiss ob sonst die ganze leidige Geschichte nicht schon längst einen ganz anderen Verlauf genommen hätte.
Aufruf zum 1. Mai: Etwas weniger fressen / Etwas weniger besessen kaufen / Etwas mehr das Eigene vergessen / Nicht mit- selbstständig laufen!
Aufs Tabula Rasa nicht warten / Skandale selber aufdecken / Penthouse und Privilegiengarten / Öffnen, nicht ängstlich verstecken!
Supergagen verschenken / Breitarsch vom Machtsessel heben / Aufhören zu lenken – denken / Kampfgeist wiederbeleben!
Globalisierung hinterfragen / Gewerkschaftsarbeit machen / Widerstand wagen / Weltweit entfachen!
Wirtschaft demokratisieren / Gerechtigkeit schaffen / Dafür, ihr Affen / Lohnts zu demonstrieren.
Am Schluss war alles klar
Keine Angst, es blieb bei einer gut besuchten Lesung. Niemand demonstrierte. Die einzige Demonstration war die der allgemeinen guten Laune. Außerdem demonstrierten in allen Lokalen der Welt ab 21 Uhr auf Großleinwänden Fußballer ihre Fußballkunst-stücke. Und das wars auch schon, von wegen Demonstration. Wäre ja noch schöner. Es wurde Zeit zu gehen, mit der Zeit. Die Poesie hatte ihr Stündchen gehabt. Ihr Sternstündchen. Nun war sie wieder bereit zur Normalisierung, brav den Platz einzunehmen, der ihr zusteht. Aus der Traum von Poesie an der Macht. Ganz wie im richtigen Leben, wo die Lyrik ihr Stiefmütterchendasein in den hintersten Regalen der Unterhaltunggsliteratur – und Romankonsummaschinerie fristet, meist bleichwangig und mondsüchtig, ganz wie die Zivilgesellschaft und die Demokratie, etwas angestaubt und kaum vorhanden. Doch bisweilen tritt Arlequino auf die Straße, mit oder ohne Colombine, mit oder ohne Mandoline, mit oder ohne Gondel, aber immer mitten unter die Pierrots, mitten unter die Leute und singt und rüttelt und wiegelt auf zu einem Aufstand der Herzlichkeit, der Vernunft, der Liebe und der Schönheit, gegen die Windmühlen, für ein poetisches Leben eben. Wie schreibt Stelzhammer in der Ergänzung seines Lebenslaufes Straßenkomödiantisch und marktschreierisch: Bin geboren in Simmering / Wo mein Lebnslauf anfing / 68 wurd ich munter / Kam von der Welle niemals runter / Zwischendurch in Frankreich war ich / Schön wars, heiss und ziemlich haarig / Schrieb Musiktheaterstücke / Gedichte, Lieder und Pamphlete / Hatte alles außer Knete / Dann zurück zur Waldheimzeit / Machte ich in Wien mich breit / Gründete ein Stadtteilzentrum / Trieb mich zivilgesellschaftlich rum / Nicht, dass das schon alles wäre / Ich erfand auch Lichtermeere / Trat für freie Radios ein / Ließ das Dichten niemals sein / Seit 2000 Wendeschande / Bin ich bös aufs Vaterlande / Akzeptier nicht die Regierung / Lehne ab Normalisierung / Doch seit alle resignieren / Donnerstags nicht mehr marschieren / Wird auch mein Gemüte schlichte / Und ich schreib nur mehr Gedichte / Dieses ist mein Lebenslauf / Und nun lieber Leser kauf!
Aha, so ist das also. Von wegen. Keine Spur mehr von romantischer Träumerei, wie in dem Gedicht, das dem Band seinen Titel gab und wo es so blauäugig und harmlos heißt: Wenn Venedig in Simmering wär und der Mond und die Sterne wären ganz nah (…) und: (…) Ach, wenn Simmering einmal Venedig wäre / Alle Hoffnungslosigkeit wäre Tanz (…) Statt dessen: (…) Und jetzt lieber Leser kauf! Nicht nur politisch unkorrekt, weil die feminine Form dem Reimzwang geopfert wurde, nein, offene, scham-lose, beinharte Geschäftemacherei
Jetzt endlich war mir klar warum heute Abend „Venedig in Simmering“ in Döbling zu Gast war und es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich hörte auf einmal ein lautes und deutliches „Blop“. Natürlich, das war es – um reich zu werden! Bloß so
20.6.06
Gedichte in Buchform

Willi Stelzhammer,
Venedig in Simmering, Gedichte und Lieder
ISBN 3-9502043-1-8, 116 Seiten, Format 20 x 12,5 cm, 11,– Euro
Der Gedichtband ist ab sofort im Buchhandel erhältlich oder kann beim Verlag direkt bestellt werden (versandkostenfrei).
Im Buch sind vier Zeichnungen von Hüseyin Isik, von dem auch die Umschlaggrafik stammt.
Die Buchpräsentation findet statt am 22. Juni um 19 Uhr in der Buchhandlung „erlesenes“
Weinberggasse 17, 1190 Wien.
1.6.06
poetisch und politisch unkorrektes, schweinisches
31. Mai 2006
Danke, liebes Zensorenschwein
In Düsseldorf da sitzen deutsche Fritzen
Und schänden den Kadaver Heinrich Heines
Indem sie "schorf" die schorfigen Lippen spitzen
In der Manie des feigen Spießerschweines
Das vorsichtig und selbstgefällig in sich ruht
Und sich an allem Freien, Wilden gütlich tut
Weil es ihn abgrundtief in seiner Seele kränkt
Wenn jemand ungezähmt und frei, mündig von selber denkt
Und sich dem vorgefassten Einheitsbrei verwehrt.
Dichter, lebendig oder tot werden vom Schwein verzehrt
und nicht mit einem Heine-Preis geehrt.
Doch das, Zensorenschwein, ich bitte um Verzeihung,
Ist doch die allerbeste Preisverleihung
Für Heine und für Handke
Darum - Danke!
Danke, liebes Zensorenschwein
In Düsseldorf da sitzen deutsche Fritzen
Und schänden den Kadaver Heinrich Heines
Indem sie "schorf" die schorfigen Lippen spitzen
In der Manie des feigen Spießerschweines
Das vorsichtig und selbstgefällig in sich ruht
Und sich an allem Freien, Wilden gütlich tut
Weil es ihn abgrundtief in seiner Seele kränkt
Wenn jemand ungezähmt und frei, mündig von selber denkt
Und sich dem vorgefassten Einheitsbrei verwehrt.
Dichter, lebendig oder tot werden vom Schwein verzehrt
und nicht mit einem Heine-Preis geehrt.
Doch das, Zensorenschwein, ich bitte um Verzeihung,
Ist doch die allerbeste Preisverleihung
Für Heine und für Handke
Darum - Danke!
9.5.06
Im Mai
Was für ein Mai.
Gelassenheit
und blaue Flöckchen
zeitloser Zeit,
aus Sonne, Lächeln, Heiterkeit,
in linden Tupfen, weit gestreut.
Unkenntlich das Jahr,
vergessen die Kälte,
dass Winter war.
Es wehen die Zelte.
Ein Nachmittagsschlendern
in Paradiesen.
Der Tod hält sich still
in den Schatten verborgen.
Ich mach was ich will,
ich hab keine Sorgen
Mutter ist da, ich fühl mich geborgen.
Der Friede ist echt, der die Strassen füllt
Ein Stimmengewirr in vielen Sprachen.
Entblößte Junge. Das Menschengeschlecht
blüht unverhüllt und füllt sich die Lunge
mit Mai und Langsamkeit, und das Herz
mit Gänsehaut und Ewigkeit, mit Flieder,
Schleckeis auf der Zunge und Liebe und Lieder.
Selbstgerecht schreibe ich alles nieder
Im Mai, wenn Babys
aus den Büschen fallen,
im Hinterhof schlägern Nachtigallen
Und auch die Alten, mit energischem Schritt,
haschend nach einem Zipfelchen Glück, laufen mit,
raufen mit. Es riecht nach Würstelbuden
und nach Donaustrom,
nach Sommerferien und doppelt Lohn.
Die Politik liegt außen vor,
geht uns am Arsch vorbei.
Da sind wir auch alleine zwei,
im Mai.
Was für ein Mai.
Gelassenheit
und blaue Flöckchen
zeitloser Zeit,
aus Sonne, Lächeln, Heiterkeit,
in linden Tupfen, weit gestreut.
Unkenntlich das Jahr,
vergessen die Kälte,
dass Winter war.
Es wehen die Zelte.
Ein Nachmittagsschlendern
in Paradiesen.
Der Tod hält sich still
in den Schatten verborgen.
Ich mach was ich will,
ich hab keine Sorgen
Mutter ist da, ich fühl mich geborgen.
Der Friede ist echt, der die Strassen füllt
Ein Stimmengewirr in vielen Sprachen.
Entblößte Junge. Das Menschengeschlecht
blüht unverhüllt und füllt sich die Lunge
mit Mai und Langsamkeit, und das Herz
mit Gänsehaut und Ewigkeit, mit Flieder,
Schleckeis auf der Zunge und Liebe und Lieder.
Selbstgerecht schreibe ich alles nieder
Im Mai, wenn Babys
aus den Büschen fallen,
im Hinterhof schlägern Nachtigallen
Und auch die Alten, mit energischem Schritt,
haschend nach einem Zipfelchen Glück, laufen mit,
raufen mit. Es riecht nach Würstelbuden
und nach Donaustrom,
nach Sommerferien und doppelt Lohn.
Die Politik liegt außen vor,
geht uns am Arsch vorbei.
Da sind wir auch alleine zwei,
im Mai.
4.5.06
1. Mai Aufruf
Was Gusenbauer nicht sagte, weil sein Ghostwriter zu spät zum Maiaufmarsch kam:
Etwas weniger gierig fressen
Etwas weniger besessen kaufen
Etwas mehr das Eigene vergessen
Nicht mit-, selbstständig laufen!
Auf`s Tabula Rasa nicht warten
Skandale selber aufdecken
Penthouse und Privilegiengarten
Öffnen, nicht ängstlich verstecken!
Supergagen verschenken
Breitarsch vom Machtsessel heben
Aufhören zu lenken, - denken
Kampfgeist wiederbeleben!
Globalisierung hinterfragen
Gewerkschaftsarbeit machen
Widerstand wagen
Weltweit entfachen!
Wirtschaft demokratisieren
Gerechtigkeit schaffen
Dafür, ihr Affen
Lohnt`s zu demonstrieren!
Etwas weniger gierig fressen
Etwas weniger besessen kaufen
Etwas mehr das Eigene vergessen
Nicht mit-, selbstständig laufen!
Auf`s Tabula Rasa nicht warten
Skandale selber aufdecken
Penthouse und Privilegiengarten
Öffnen, nicht ängstlich verstecken!
Supergagen verschenken
Breitarsch vom Machtsessel heben
Aufhören zu lenken, - denken
Kampfgeist wiederbeleben!
Globalisierung hinterfragen
Gewerkschaftsarbeit machen
Widerstand wagen
Weltweit entfachen!
Wirtschaft demokratisieren
Gerechtigkeit schaffen
Dafür, ihr Affen
Lohnt`s zu demonstrieren!
3.5.06
Blüte im Wind
Für Christa Scheuer
Wind, pflück mir vom Zweig die Blüten
Jahre ohne Widerkehr
Tage, Städte, Menschen leer
Nichts bleibt mehr nach deinem Wüten
Grad noch Wangen Purpur blühen
Funkelauges Funkenglanz
Schneit der Schneide Totentanz
Mitten durch Lebensbemühen
Als ob Herzens Flügel schlügen
Lippenloser Kuss verfliegt
Schale Schönheit, unbesiegt
In Erinnerungs letzten Zügen
Soviel Herz, sowenig Dauer
Soviel Wärme, die erlischt
All der fallenden Blüten Gischt
Wogt im Ozean der Trauer
Wogend, immer gleich bewegend
Sturmgepeitscht, doch ungerührt
Lebt nur wer den Tod verspürt
Trotzdem sich zum Leben regend
Grüße euch, Entschwundene alle
Blüten, die ins Nichts verregnen
Weiss, wir werden uns begegnen
Und nun Blüte, falle, falle!
Für Christa Scheuer
Wind, pflück mir vom Zweig die Blüten
Jahre ohne Widerkehr
Tage, Städte, Menschen leer
Nichts bleibt mehr nach deinem Wüten
Grad noch Wangen Purpur blühen
Funkelauges Funkenglanz
Schneit der Schneide Totentanz
Mitten durch Lebensbemühen
Als ob Herzens Flügel schlügen
Lippenloser Kuss verfliegt
Schale Schönheit, unbesiegt
In Erinnerungs letzten Zügen
Soviel Herz, sowenig Dauer
Soviel Wärme, die erlischt
All der fallenden Blüten Gischt
Wogt im Ozean der Trauer
Wogend, immer gleich bewegend
Sturmgepeitscht, doch ungerührt
Lebt nur wer den Tod verspürt
Trotzdem sich zum Leben regend
Grüße euch, Entschwundene alle
Blüten, die ins Nichts verregnen
Weiss, wir werden uns begegnen
Und nun Blüte, falle, falle!
28.4.06
Gefühl
Mein Stern verblasst, das Leben flieht
Dorthin wo meine Mutter ist
Ganz ohne Hast verklingt mein Lied
Hör zu, bevor du es vergisst
So wichtig war mir mancherlei
Das jetzt verblasst wie Tageslicht
Der Sterne Schar eilt schnell herbei
Zu einem Traum- und Nachtgedicht
Nicht bitter mach mich, Welle Zeit
Die mich umspült und an mir reisst
Was kommt, ich lach, noch ist es weit
Das Ende, das mich schon umkreist
Dieses Gedicht schrieb ich heute nachmittag. Zwei Stunden später musste ich mich von Christa Scheuer verabschieden, die im AKH an den Folgen ihrer Herzoperationen verstorben war.
Dorthin wo meine Mutter ist
Ganz ohne Hast verklingt mein Lied
Hör zu, bevor du es vergisst
So wichtig war mir mancherlei
Das jetzt verblasst wie Tageslicht
Der Sterne Schar eilt schnell herbei
Zu einem Traum- und Nachtgedicht
Nicht bitter mach mich, Welle Zeit
Die mich umspült und an mir reisst
Was kommt, ich lach, noch ist es weit
Das Ende, das mich schon umkreist
Dieses Gedicht schrieb ich heute nachmittag. Zwei Stunden später musste ich mich von Christa Scheuer verabschieden, die im AKH an den Folgen ihrer Herzoperationen verstorben war.
21.4.06
Alltägliche Iliade
19. April 2006
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Jeder stach einmal in unbekannte See
Jeder wird erwartet,jeder wartet auch
Und ganz unerwartet blüht ein Rosenstrauch
Singen die Sirenen, locken heisse Tränen
Und verfliegt das Glück zurückzukehren
wie Rauch
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Zwischen Herd und Bogen, zwischen Lust und Weh
Zwischen Ankunft wollen, sich nach Neuem sehnen
Glücklich sein verschollen, zu Hause sein mit Gähnen
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Listenreich, beharrlich, duldend, unerschrocken
Tötet er die Freier, stopft sie ihm die Socken
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Jeder liebt den Sommer, jeder liebt den Schnee
Sage ich nicht jede, hat das seinen Grund
ließe sich nicht reimen, drum halte den Mund
Jede ist in jedem Falle mit dabei
Sagen wir doch -alle-
sächlich, männlich, weiblich
sind stets ihrer drei
Alle sind Odysseus und Penelopee
streiten, lieben, sterben,
so geht das seit je
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Jeder stach einmal in unbekannte See
Jeder wird erwartet,jeder wartet auch
Und ganz unerwartet blüht ein Rosenstrauch
Singen die Sirenen, locken heisse Tränen
Und verfliegt das Glück zurückzukehren
wie Rauch
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Zwischen Herd und Bogen, zwischen Lust und Weh
Zwischen Ankunft wollen, sich nach Neuem sehnen
Glücklich sein verschollen, zu Hause sein mit Gähnen
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Listenreich, beharrlich, duldend, unerschrocken
Tötet er die Freier, stopft sie ihm die Socken
Jeder ist Odysseus und Penelopee
Jeder liebt den Sommer, jeder liebt den Schnee
Sage ich nicht jede, hat das seinen Grund
ließe sich nicht reimen, drum halte den Mund
Jede ist in jedem Falle mit dabei
Sagen wir doch -alle-
sächlich, männlich, weiblich
sind stets ihrer drei
Alle sind Odysseus und Penelopee
streiten, lieben, sterben,
so geht das seit je
20.4.06
16.4.06
Zwischenwelt
Abends, allein im Antiquariat
Mottenkugelduft aus alten Schränken
längst vergangener Welten,
die, wenn die Dämmerung hereinbricht,
neu sich rüsten
- Ambra und Moder, Tang und Pergament-
Edelhölzer unbekannter Küsten
Verwunschene Boudoirs mit mondbeschienenen Brüsten
Aschenland, das so kein anderer kennt
Abends das Antiquariat betreten,
Schmerz und Unruh in ihm versenken
ist für mich als würde ich beten,
als träte ich in üppige Büchergärten
verhallter Träume, erloschener Reiche
ließe draußen vor der Türe die Härten,
nähme nur das Weiche
mit über die Schwelle.
Stille um mich, unhörbares Weinen
Hinter der Scheibe - Abendscheinen
Im Dunkeln lasse ich mich der Helle
allem Verschwundenen Geselle
Abends, allein im Antiquariat
Mottenkugelduft aus alten Schränken
längst vergangener Welten,
die, wenn die Dämmerung hereinbricht,
neu sich rüsten
- Ambra und Moder, Tang und Pergament-
Edelhölzer unbekannter Küsten
Verwunschene Boudoirs mit mondbeschienenen Brüsten
Aschenland, das so kein anderer kennt
Abends das Antiquariat betreten,
Schmerz und Unruh in ihm versenken
ist für mich als würde ich beten,
als träte ich in üppige Büchergärten
verhallter Träume, erloschener Reiche
ließe draußen vor der Türe die Härten,
nähme nur das Weiche
mit über die Schwelle.
Stille um mich, unhörbares Weinen
Hinter der Scheibe - Abendscheinen
Im Dunkeln lasse ich mich der Helle
allem Verschwundenen Geselle
14.4.06
Ich weiss nicht was
Es duftet der Frühling
wie ein offener Schoß
Nach Regen und Knospen
Die Erde liegt bloß
Nach Sterben und Werden
Nach Kommen und Gehen
Nach dunklen Gebärden
Nach Nichts bleibt bestehen
Es duftet der Frühling
nach Nacht und nach Licht
nach versunkenen Städten
Nach Glück das zerbricht
nach Rinnsal, nach Dampfen
nach Hufen, die stampfen
ein Ruck-Zuck-Gedicht
Es duftet der Frühling
nach Kloake und Glocke
zerplatzenden Träumen
und Ankunft im Gras
April brüllt und zaubert
Stern , Blüte und Flocke
den Bäumen ins Haar
Es duftet der Frühling
nach ich weiss nicht was
wie ein offener Schoß
Nach Regen und Knospen
Die Erde liegt bloß
Nach Sterben und Werden
Nach Kommen und Gehen
Nach dunklen Gebärden
Nach Nichts bleibt bestehen
Es duftet der Frühling
nach Nacht und nach Licht
nach versunkenen Städten
Nach Glück das zerbricht
nach Rinnsal, nach Dampfen
nach Hufen, die stampfen
ein Ruck-Zuck-Gedicht
Es duftet der Frühling
nach Kloake und Glocke
zerplatzenden Träumen
und Ankunft im Gras
April brüllt und zaubert
Stern , Blüte und Flocke
den Bäumen ins Haar
Es duftet der Frühling
nach ich weiss nicht was
12.4.06
Aprilschnee
Es wäre schön an die Auferstehung zu glauben
An den Glückbringenden Regenbogen
Und die Unschuld der Tauben
An die Kraft der Liebe, die Berge versetzt
An die Süße der Trauben
An das Wort, das heilt, nicht verletzt
An den Fuchs der die Gans zurückbringt
Und es schneit im April
Und Mutter ist nicht mehr da
Doch das Leben hält nicht still
Und der Schmerz ist noch lang nicht verflogen
Wie der Schnee im April
An den Glückbringenden Regenbogen
Und die Unschuld der Tauben
An die Kraft der Liebe, die Berge versetzt
An die Süße der Trauben
An das Wort, das heilt, nicht verletzt
An den Fuchs der die Gans zurückbringt
Und es schneit im April
Und Mutter ist nicht mehr da
Doch das Leben hält nicht still
Und der Schmerz ist noch lang nicht verflogen
Wie der Schnee im April
8.4.06
Kommentar der anderen Art/Frühlings- und Ostergruße
Hier ein Mail an Mischa Jäger vom Standard. Ein Schnellschuss über dessen Nichtveröffentlichung ich nicht böse bin, aber dass nicht einmal ein Antwortmail kam fand ich nun doch unhöflich. Vielleicht wars ihm zu unpolitisch? Zu scharf kanns nicht gewesen sein, auch nicht persönlich beleidigend, wie z.B das
Rauschernde Gebetsmühlenliedchen
Es rauschert so leise die Mühle am Bach
Schwach, schwach
Und hat auch die Republik Feuer am Dach
Ach, ach
Lieber schmeichelt die Feder bei den Grünen sich ein
Er will auch beim Bauchnabel Aufdecker sein
Aber bitte nicht bei sein,
aber bitte nicht bei sein!
Es bauschert die Hose beim Senior sich
Kurz kurz
es rauschert der Wind der ihr hinten entwich
furz furz
zum Glück schreibt die Feder keck, furchtlos und frei
wie schrecklich die Kurzhosenmode jetzt sei
nicht die Asylrechtschweinerei
her mit der Hosenpolizei
das ich in vorauseilender Selbstzensur wohlweislich unterdrückte. Der Standard hat halt offenbar so seine kumpelhaften "A-Fian-itäten" und die soll man ihm auch ruhig lassen. Euch aber soll mein Frühlingserguss nicht entgehen. Fröhliche Ostern!
Sehr geehrter Herr Jäger
Hier ein Vorschlag für einen Kommentar der Anderen
27. März 2006
Am Rande des Abgrunds – der Frühling
Mein Österreichbild
Wien atmet wieder im Frühling. Erschöpft und mitgenommen haben die Menschen den Winter verlassen. Woher kommen die alle, in welchen Kisten und Kartons haben sie die letzten Monate zugebracht? Nackte Schultern, entblößte Bäuche blitzen auf im Passantenstrom. Schon ist es zu heiß unter dem Sakko, schon herrscht Urlaubsstimmung mit Eis am Stiel und Tropical Coctail. Der Gewerkschaftsboss ist zurückgetreten, Saddam tanzt Boogie-Woogie mit dem Sonder-richter, Milosevic ist als blutiger Osterhase auferstanden, meine Mutter ist vor zwei Wochen gestorben. Wen kümmert das? Der Feinstaub flimmert golden (oder bilde ich mir das nur ein), in den Bronchien brechen die Krokusse durch, die Kostümmozarts der Wiener Fremdenverkehrswerbung verlieren Perrücken und Contenence, bunte Motorradpferde (todbringende) werden stolz von Übergewichtigen am Zügel vorgeführt. Die Autofahrer verwechseln das Gaspedal mit der Hupe, schöne Cabriofahrerinnen führen gestenreiche Selbstgespräche mit der unsichtbaren Freisprecheinrichtung. Der Asphalt und das Pflaster decken mühsam, aber
erfolgreich die sich aufbäumenden Graswurzeln ab.
Unbeschreiblicher Stadtfrühling, dass du überhaupt Stadt- findest ist erstaunlich, nach so langer Ab-verwesend-heit. Erstaunlich all das Leben ringsum, das den ganzen langen Winter abgetaucht war, in Vergessenheit geraten. Der Frühling ist eine ansteckende Krankheit, anders als die vieldiskutierte Vogelgrippe, eine ersehnte Pandemie. Er steckt alle Alters- und Gesellschhaftsklassen an. Der Frühling ist ein
klassenloser Gratishaupttreffer in der Klasselotterie für jede und jeden.
Die Krückstöcke knospen, die Glatzköpfe flaumen, Lächeln zeichnen sich ab, Falten entspannen sich, Kontakte entspinnen sich, Gestelle jeder Art enthüllen sich. Alles was Flügeln hat, steht – auch die gefallenen Engel stehen wieder königskerzengerade. Auch in den Krankenhäusern und Hospizen ist, was noch am Leben ist, sonnenbeschie-nen. Die Friedhöfe erwachen zum Leben, ebenso wie die Bordelle. In den Stein- Straßen und Plätzen entwickeln sich allerlei Beziehungs- und Kurzweilgeflechte, verwurzeln sich in den Schanigärten und Kaffehausterrassen, vertreiben Trauermoos, Griesgramfilz,Inter-spinnen-netze und Langweilnebel der kurzen Wintertage.
Wieder ein Jahresring mehr unter den Augen. Zynismus ist gerade noch kein rezept-pflichtiges Medikament geworden. In der Innenstadt sprießen Trostpflastersteine unter augenweidenden Touristen und in den Geldbörsen werden die Euro zu vierblättri-gen Kleeblättern mit denen man/frau sich allerdings keine „luckerte“ Krone kaufen kann. Heller heißt die Währung im Frühling und sie wird gratis verteilt , in den „Anker“ plätzen, Würstelbuden und BAWAG-Filialen.
Hand aufs Herz, wen kümmern am ersten richtigen Frühlingstag Novemberwahlen, blaue Orangen, Vogel- und Gusenbauer, alte Hüte und Schüssel und die EU-Ratspräsi-Tant-schaft. Nicht einmal zweisprachige „Proporztafeln“ mit oder ohne Schildbürgerstaats-streich können uns imponieren oder hinter den schüchternen Primeln hervorlocken. Nicht einmal ein weises staatsoberhäuptliches Lächeln aus den Schuhen des Fischers weiß schwerer zu wiegen als ein Büschlein Himmelsschlüsselchen.
Die Politik hat das Primat über die Wirtschaft verloren geht die Saga, nicht erst seit Gugging. Narretei. Der Frühling übt sein Diktat aus über beide und alles.
Frühling, Frühling über alles…! Gott (oder Pröll) schütze uns vor dem nächsten Winter!
Willi Stelzhammer
Rauschernde Gebetsmühlenliedchen
Es rauschert so leise die Mühle am Bach
Schwach, schwach
Und hat auch die Republik Feuer am Dach
Ach, ach
Lieber schmeichelt die Feder bei den Grünen sich ein
Er will auch beim Bauchnabel Aufdecker sein
Aber bitte nicht bei sein,
aber bitte nicht bei sein!
Es bauschert die Hose beim Senior sich
Kurz kurz
es rauschert der Wind der ihr hinten entwich
furz furz
zum Glück schreibt die Feder keck, furchtlos und frei
wie schrecklich die Kurzhosenmode jetzt sei
nicht die Asylrechtschweinerei
her mit der Hosenpolizei
das ich in vorauseilender Selbstzensur wohlweislich unterdrückte. Der Standard hat halt offenbar so seine kumpelhaften "A-Fian-itäten" und die soll man ihm auch ruhig lassen. Euch aber soll mein Frühlingserguss nicht entgehen. Fröhliche Ostern!
Sehr geehrter Herr Jäger
Hier ein Vorschlag für einen Kommentar der Anderen
27. März 2006
Am Rande des Abgrunds – der Frühling
Mein Österreichbild
Wien atmet wieder im Frühling. Erschöpft und mitgenommen haben die Menschen den Winter verlassen. Woher kommen die alle, in welchen Kisten und Kartons haben sie die letzten Monate zugebracht? Nackte Schultern, entblößte Bäuche blitzen auf im Passantenstrom. Schon ist es zu heiß unter dem Sakko, schon herrscht Urlaubsstimmung mit Eis am Stiel und Tropical Coctail. Der Gewerkschaftsboss ist zurückgetreten, Saddam tanzt Boogie-Woogie mit dem Sonder-richter, Milosevic ist als blutiger Osterhase auferstanden, meine Mutter ist vor zwei Wochen gestorben. Wen kümmert das? Der Feinstaub flimmert golden (oder bilde ich mir das nur ein), in den Bronchien brechen die Krokusse durch, die Kostümmozarts der Wiener Fremdenverkehrswerbung verlieren Perrücken und Contenence, bunte Motorradpferde (todbringende) werden stolz von Übergewichtigen am Zügel vorgeführt. Die Autofahrer verwechseln das Gaspedal mit der Hupe, schöne Cabriofahrerinnen führen gestenreiche Selbstgespräche mit der unsichtbaren Freisprecheinrichtung. Der Asphalt und das Pflaster decken mühsam, aber
erfolgreich die sich aufbäumenden Graswurzeln ab.
Unbeschreiblicher Stadtfrühling, dass du überhaupt Stadt- findest ist erstaunlich, nach so langer Ab-verwesend-heit. Erstaunlich all das Leben ringsum, das den ganzen langen Winter abgetaucht war, in Vergessenheit geraten. Der Frühling ist eine ansteckende Krankheit, anders als die vieldiskutierte Vogelgrippe, eine ersehnte Pandemie. Er steckt alle Alters- und Gesellschhaftsklassen an. Der Frühling ist ein
klassenloser Gratishaupttreffer in der Klasselotterie für jede und jeden.
Die Krückstöcke knospen, die Glatzköpfe flaumen, Lächeln zeichnen sich ab, Falten entspannen sich, Kontakte entspinnen sich, Gestelle jeder Art enthüllen sich. Alles was Flügeln hat, steht – auch die gefallenen Engel stehen wieder königskerzengerade. Auch in den Krankenhäusern und Hospizen ist, was noch am Leben ist, sonnenbeschie-nen. Die Friedhöfe erwachen zum Leben, ebenso wie die Bordelle. In den Stein- Straßen und Plätzen entwickeln sich allerlei Beziehungs- und Kurzweilgeflechte, verwurzeln sich in den Schanigärten und Kaffehausterrassen, vertreiben Trauermoos, Griesgramfilz,Inter-spinnen-netze und Langweilnebel der kurzen Wintertage.
Wieder ein Jahresring mehr unter den Augen. Zynismus ist gerade noch kein rezept-pflichtiges Medikament geworden. In der Innenstadt sprießen Trostpflastersteine unter augenweidenden Touristen und in den Geldbörsen werden die Euro zu vierblättri-gen Kleeblättern mit denen man/frau sich allerdings keine „luckerte“ Krone kaufen kann. Heller heißt die Währung im Frühling und sie wird gratis verteilt , in den „Anker“ plätzen, Würstelbuden und BAWAG-Filialen.
Hand aufs Herz, wen kümmern am ersten richtigen Frühlingstag Novemberwahlen, blaue Orangen, Vogel- und Gusenbauer, alte Hüte und Schüssel und die EU-Ratspräsi-Tant-schaft. Nicht einmal zweisprachige „Proporztafeln“ mit oder ohne Schildbürgerstaats-streich können uns imponieren oder hinter den schüchternen Primeln hervorlocken. Nicht einmal ein weises staatsoberhäuptliches Lächeln aus den Schuhen des Fischers weiß schwerer zu wiegen als ein Büschlein Himmelsschlüsselchen.
Die Politik hat das Primat über die Wirtschaft verloren geht die Saga, nicht erst seit Gugging. Narretei. Der Frühling übt sein Diktat aus über beide und alles.
Frühling, Frühling über alles…! Gott (oder Pröll) schütze uns vor dem nächsten Winter!
Willi Stelzhammer
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