3.12.13

Athener Oktobernovembergedichte




 

Am Tag vor dem Abflug

Ruhe finden zwischen den Stürmen,
Ruhe finden zwischen den Winden
die uns in alle Richtungen zerren
Kurz Wurzeln schlagen, Türen und Fenster versperren
Ehe wir sie  wieder öffnen aufs Neue
Dass uns das Hier und Jetzt umhülle
durchdringe, umfange und gänzlich erfülle
zutiefst erfreue, die Katze, die Stille
Kondensstreifen am Himmel
Geruch von Gras, Laub, Zitronenmelisse
Einatme Seele, dein freier Wille trägt dich
Wie die Erde voll Nüssen und Küssen
Und lässt dich ertragen das Ungewisse
Das Unbekannte, das Dunkel
Das unerklärliche Sternengefunkel
Das Morgen, das, wie eine Kulisse
Noch vage aufdämmert, entfacht, formiert
Und du spürst wie die Angstblase platzt
Und die Trauer sich löst und die
Ohnmacht in dir ihre Macht verliert
Und Ruhe kehrt ein und Kraft macht sich breit
Und das Blut pulsiert und die Brust wird dir weit
Und du spürst die tiefe Zufriedenheit
Die Geborgenheit und du atmest befreit
Ein Stück Kindewigkeit und bist da und gehst fort
Und verreist und bist dort und das Leben ist dir
Ein heiliger Ort. Du, ach, heilendes Wort

Ich bekomme Besuch in der Nacht vor der Reise

Ich kann nicht schlafen, alle Lieben steigen aus dem tiefen Brunnen des Vergessens in mein Herz, schöpfen dort mit hohlen Händen aus den Quellen meiner Seele eines Regenbogens Freude aus der tiefen, dunklen Erde. Wie mit goldenen, hellen Kellen zu den Sternen Himmelwärts.
Und sie schöpfen, bleich und innig und sie lassen mich nicht schlafen, in der Heimat meiner Träume ziehen Wolken über Felder wie ein Zug von weißen Schafen, die ins Nirgendwo verschwinden
Ach, die lieben, frühen Toten, die in meinem Leben hausen, mich auf Schritt und Tritt begleiten – wann werde ich sie wiederfinden, in den namenlosen Weiten?
Nicki, der in grünen Wäldern, zwischen Seen und roten Häusern, mit dem Fahrrad in die Leere wie mit einer alten Fähre, die versinkt, ins Jenseits fuhr, müde, bitter und doch voller Pläne – Rahel, die schon Jahre früher, als sie eben neues Leben dieser Welt gegeben hatte, sich den Füchsen anvertraute und dem Regen und der Sonne – alle Tode, unverdaute…
Auch Susanne, Billes Schwester, die sich in der Wohnung, in der kalten, meiner Eltern, an den Haken des Vergessens und des Morgengrauen hängte… Alles wattetief Verdrängte steigt in dieser Vollmondnacht, vor dem Flug zurück ins alte, neue und schon längst vergangene Leben und lässt mich partout nicht schlafen, zieht mich vor die weiße Seite eines leeren Blatt Papiers, lässt mich, fast ohne zu denken, Worte für das Ungesagte, viel zu wenig laut beklagte, finden und schwarz niederschreiben, dass die Bitterkeit der Dauer und der Trauer, die drin wohnen, nicht auf immer in mir bleiben – dass sie wie papierene Kähne, angelockt vor letzter Reise auf uns warten, an den Peers, dass wir uns die Zeit „verschreiben“.


 

Plötzliche, simple Erkenntnis in Athen

An die Grenzen gehen, leiden
Schmerzen, Zweifel nicht vermeiden
Das Gefühl der Leere und der Schwere lassen
Trotzdem nach den Sternen fassen
Von verbotenen Früchten naschen
Mit vollem Herz und leeren Taschen
Durch die Welt gehen, Augen offen
In der Nacht auf Morgen hoffen
Nähe suchen, Wärme, Lächeln
Nicht nach kalten Gütern hecheln
Zugreifen, Anpacken, Freude genießen
Auch wenn bittere Tränen fließen
Nichts ist schlimm, solange du lebst
Nach dem Besserfühlen strebst
Nimmst und gibst, grad die nichts haben
Geben oft die größten Gaben
Absichtslos, kein Hintersinn
Geteiltes Los, geteilte Freude als Gewinn
Ach, wie frei fühle ich mich jetzt
Mitten ins Hier sein hineingesetzt
Fühle ich mich schon weniger fremd
Weniger gehemmt vom Totenhemd
Das sich als blauer Himmel tarnt
Und schwarz sich in die Seele senkt
Manipuliert, die es umgarnt
Und auf die Todesseite lenkt
Der Starre, der Passivität
Aufwachen, Leute, es ist nicht zu spät
Richtet alle Energie auf die lebendige Anarchie
Das Leben will Autonomie
Kontakt, Entfaltung, Wachsen in Bewegung
Glückliches Dasein ist eine Segnung
Die man sich selber geben muss
Du, Mensch, leb frei, aus einem Guss
Weg mit dem Todesüberfluss!

Das was ich wirklich fühle

Das was ich wirklich fühle, kann ich mit niemandem teilen Nicht mit Worten, nicht mit Bildern, kann es nur widerspiegeln in dürftigen Zeilen und ablegen in meinem Herzensgrund
Das was ich wirklich fühle, geht manchmal von Mund zu Mund, von Haut zu Haut, von Blick zu Blick und so vieles von meinem und unserem Geschick bleibt unverdaut und macht mir die Seele wund
Aber irgendwie, ich weiß nicht wie, kann ich das alles auch weitergeben, irgendwie, fühle ich, sind wir Menschen alle verbunden, wird das Wichtigste geteilt, um doch irgendwie mitempfunden, in den tiefen Momenten von Liebe und Leben, manchmal auch nur für wenige Sekunden.

Fotogedichte

Gesichter der Müdigkeit, des Lichts, des Schattens, der Scham, der Trauer, der Verzweiflung, der Angst, des Zorns. In den Straßen und Plätzen, in den Bussen und der Metro. Bei genauem, mitfühlendem Hinblicken, nicht zu übersehen. Fotogedichte, aus Respekt vor der Würde der Menschen nicht in Form von Fotos, sondern als Poesie. 


Die bettelnde Geistin

Wie ein Geist ist sie plötzlich in der U-Bahn vor mir gestanden mit weißen Haaren, blauem Pullover und weißen Schuhen und bettelte um ein paar Euro und war fast nicht mehr vorhanden, durchscheinend und würdig und bettelte und hatte offenbar sonst nichts zu tun
Sie sprach nur griechisch, freundlich, schüchtern, ihre Scham verwindend, sah sie mir in die Augen, leeren Blickes. Ich gab zwei Euro ihr, sie dankte , still verschwindend, wie eine Fantasiegeburt des Augenblickes.
Doch sie war echt und ihre Not war es auch und stärker als die Scham und Würde. Ich hatte ein Gefühl, ganz flau im Bauch und eine Ahnung, ihrer schweren Bürde, als sie verschwand, in Metrostaub und Rauch..

 

Griechischer Knabe, neben Mutter und Schwester

Die Augen, die, ich hoffe es von Herzen, die Welt noch sehen werden, wenn ich einmal nicht mehr bin, so leuchtend tief, so traurig, voller Schwärzen und doch auch voller Mut und Eigensinn
Die Mutter, die besorgt mit seiner Schwester spricht, über die kleinen Alltagssorgen, stelle ich mir vor Und da, vor mir, dies schmale, kindliche Gesicht, schaut ernst aus der Vergangenheit empor
Was sind denn tausend Jahre, was sind Katastrophen, gegen den Lebensfunken, der die Welt beseelt. Der einzelne ist nur ein Teil unendlich vieler Strophen und ändert doch das Lied wenn seine Note fehlt
Und ändert doch die Zeit und der Geschichte Richtung oft eine Laune, eine wilde Wut und kann die Wirklichkeit verändern, wie die Dichtung und aus Verzweiflung und aus Tod wird Lebensmut.

 

Idylle in Pyräus

In einer Ecke eines kleinen Parks, im Abenddämmern, kaum versteckt, stehen Einkaufswägen, bepackt mit alten Schachteln und  mit Plastik abgedeckt, als Schutz vor Regen und auf der Wiese sitzen alte, braungegerbte Männer, schmutzig, unrasiert, die jetzt noch laut, lebendig, manchmal lachend, Tavli (Backgammon spielen), so wie man sie auf Griechenlandpostkarten gerne sieht. Das was man nicht sieht ist, wie sie sich dann viel später in der Nacht mit ihrer dort am Rand geparkten Fracht unter dem violetten Hafenhimmel statt in saubere, warme Betten, zum Schlafen unter dürre Büsche legen, oder in Abbruchhäuserhinterhöfe. So mancher ist am nächsten Morgen vor Hunger und vor Kälte nicht mehr aufgewacht. 

Rotblonde Romafrau

Frau, unbestimmten Alters, sitzt, Beine weggestreckt, kraftlos  an ein Geschäftsportal gelehnt, auf bunt bewegter Straße und streckt die Hand mühsam nach einer Gabe.aus. Die Menschen eilen vorüber, auch ich habe, ich gebe es zu zuerst es nicht gewagt ihr in die Augen zu sehen, ging einige Schritte weiter, vorbei an einer goldgelb gut gefüllten Bäckerei, um mich dann endlich wieder zu ihr umzudrehen und ein paar Münzen in den leeren Plastikbecher zu legen. Sie konnte ihre Lippen zu einem kleinen Lächeln kaum bewegen, doch sah ich sie dann an und sie war leer und schön, ein Mensch, am Ende seiner Kraft und spendete mir einen Blick zurück, nur für mich gemünzt, voll Scham und Hoffnungslosigkeit und einem Hauch von Dankbarkeit nicht weggeschaut zu haben. Münze an der  ich heute noch trage

 

Monastiraki - Station

Drei Schritte aus der U-Bahnstation hinaus und glitzert dort ein lauer Ausgehabend. Beleuchtete Händlerstände mit Touristenware und unterm Sternenhimmel thront im Scheinwerferglanz Akropolis, die wunderbare, wie eine weiße Klippe, von der aus schon manche dem Tod nicht von der Schippe sprangen. Die hohen Säulen des römischen Marktes als Hintergrund für gut-betuchte, junge AthenerInnen in Ausgehlaune und mittendrin in diesem Bild sitzt ein gestürzter Gott, Golem, Alraune, alles zusammen, in weißes Tuch gehüllt, ein Obdachloser, feixt, wirft sich in Pose, wallenden Bartes und langen, zotteligen Haares, fotogeil  (das ich nicht mache) und alle Welt tut so als wäre das normal. Der Abend, lau und schal,  Musik, Erotik in der Luft, tut unbefangen, doch ihm entströmt, ich rieche es genau, ein intensiver, süßer Leichenduft.




Hafenlos

Hafenlos soll meine Seele reisen, aufnehmen die Schiffbrüchigen, die ihre Reise beenden mussten, oft auf sehr abrupte Weise, Hafenlos, nur dem Traumkompass folgend, er wird ihr unseren richtigen Weg schon weisen
An den Nebelinseln meiner ungelebten (und doch auch im Traum gelebten) Leben, segle ich vorüber, an den Klippen meiner Enttäuschungen, Niederlagen, Verluste, alleine, bis auf wenige Stunden. Einmal sind die Zeiten heller, einmal trüber und mein neuer Weggefährte ist das Unbewusste
Dieses sagt mir, lass dich nirgends nieder, wenn du stehen bleibst wirst du zu Salz und Stein. Nirgends sollst du, ist es noch so schön, verharren, lass es ziehen, das Glück, so triffst du es immer wieder, sonst wird es dich fressen, dich verzehren, es wird dir den Stillstand nie verzeihen
Wenn du stehen bleibst, bist du dem Schicksal ausgeliefert, nur wenn du wo fortgehst kannst du wiederkehren, kannst du offen bleiben für das Unbekannte, für die anderen, die an allen Ecken laut geboren werden oder still verrecken
Nur wenn du dich selbst bewegst kannst du die Welt bewegen und so wandern wir getrost, getrennt, zusammen allerwegen in das nur uns Anverwandte

 

Liebe

Die Liebe dauert, überdauert alles, das eigene Leben, Schatten, Höllen, Tiefen, Wir sind nur Tropfen eines Wasserfalles, die einen Sonnenstrahl zu Hilfe riefen, um einen Regenbogen zu entfachen, Kinder aus Licht und Farben, die, auch wenn wir schon längst erloschen sind, an unserer Stelle, lachend unsere Liebe weitermachen. Liebe ist Helle, Freude und Wärme und ein Gefühl im Bauch, als würden wilde Vogelschwärme nisten im Rosenstrauch

   

Sicherheiten

Ein Stück Brot, sauberes Wasser zu trinken, ein Freund in der Not, ein Bett, um darauf in Träume zu sinken Ein Dach, das den Regen abhält, ein Ofen oder eine Decke, die die Kälte abhalten, das ist des armen Menschen ganze Welt und die liebe Sonne und das freie Himmelszelt, gegen die Menschen und gegen die Naturgewalten. Das sind des Menschen einzige Sicherheiten, heute und in allen Zeiten.




Regen in Athen

Es regnet in Athen
Es regnet auf die weißen Rosen
Und auf die Obdachlosen, die da um Almosen
Schlange stehen

Es regnet in Athen
Auch wenn die Sonne scheint
So manche Seele weint, mit anderen vereint
Wer hinhört, kann es sehen

Es regnet in Athen
Die Stadt ist eine Katze, ganz durchnässt
Die sich scheu fallen lässt oder wild, mit Protest
Bereit ist ihren letzten Gang zu gehen

Es regnet in Athen
Europa bleibt nicht trocken
Die heute noch bequem in Fernsehsocken
Ganz angenehm und satt vor ihrem facebook hocken
Könnten bald selbst im selben Regen stehen

 

Am Platz vor der Eisenbahnstation Marousi

Ein Abend, so als wäre ich eben
Woanders hingegangen, um befreit zu leben
Ein Feierabend, lau, entspannt, obwohl es nichts zu feiern gibt
Außer dem Sichelmond und seinem Abendstern
Vor den sich gerade keine Wolke schiebt
An einem Kiosk haben zwei sich gern
Die Läden in den Einkaufsstraßen leuchten: hol
Dir was du brauchst, wir haben für dich offen
Traumkleider, Wunschkaffee, Zornwurzeln…
Noch ein paar Flügelschläge zartes Hoffen
An diesem Abend fühle ich mich wohl
In dieser Stadt habe ich mein Selbst getroffen
Und auch mein Fremdes ist mir plötzlich nah
Ich kann es in meinen Gedichten lesen
Als wäre es schon immer da gewesen
Vielleicht, wer weiß, war`s ja schon immer da

 

Gedanken nach dem gemeinsamen Musikhören

Die großen Worte fallen mir nicht ein
Die Liebe ist ein Traum, geboren aus dem Tod
Sie macht zu einer Blume jeden Stein
Und dem Ertrinkenden ist sie ein Rettungsboot

Sie ist nur Illusion, ein schöner Seelenpfeil
Der einmal abgeschossen nicht mehr dir gehört
Die Liebe macht genauso wieder heil
Was sie im nächsten Augenblick zerstört

Die Liebe ist des Lebens Quintessenz
Dort wo sie hinfällt ist Verzauberung
Dort wo sie auftaucht herrscht der Lenz
Und wer sie einmal fühlte, der bleibt immer jung

 

 

Sonntag in Athen

Sonntag in Athen
Die Menschen laufen Marathon
Alle laufen wir unseren Sorgen davon
Auch die Sonne läuft und bleibt nicht stehen

Vergangenheit liegt in den Straßen und in der Luft
Klarer Himmel und Wolken, langsamer fließt der Verkehr
Ein seltsamer, goldener und blauer Sonntagsduft
Und in meinem Herzschlag spüre ich das Meer

Das Hässliche wird schön und das Leere wird voll
Und das Schwere wird leicht. Wir laufen alle Marathon
Am Sonntag langsamer und das Ziel bleibt unerreicht
Und wir geben uns einen Sinn und sagen: es ist alles so wie es sein soll

Sonntag in Athen
In den Sackgassen schlafen die Hunde
Ich fahre mit dir im Auto und wir können den Weg nicht finden
Verloren drehen wir Runde um Runde
Wir fahren und fahren und bleiben nicht stehen
Und langsam schließt sich Wunde um Wunde
Die uns so lange schon verbinden
Und es kann vielleicht Neues entstehen
An einem Sonntag in Athen

 

In der Metro - Augen, Blicke

Diese Augen, diese Blicke
Kommen aus den tiefsten Schmerzen
Gehen mir zutiefst zu Herzen

Diese Augen, diese Blicke
Singen alte Trauerweisen
Und erzählen Lebensreisen
Von Abfahrt und von Wiederkehr
Liebe, Tod, Geburt und mehr

Diese Augen, diese Blicke
Wache Nächte, leere Zimmer
Schluchzen unter Sternenschimmer
Bahngeleise, Hafenmauer
Familienfeste, Äste, Trauer

Diese Augen, diese Blicke
Jagdgewehre und Gebete
Eine Fähre, Wind, der drehte
Und Gesichter, weggedrehte
Diese Augen, diese Blicke
Badezimmer, Stühle, Stricke
Niemals abgeschickte Briefe
Meerersbuchten, abgrundtiefe

Diese Augen, diese Blicke
Ach mir wird das Herz zum Mühlstein
Wenn ich diesen müden Augen
Meinen Blick entgegenschicke

Diese Augen, diese Blicke
Längst vergangener, besserer Zeiten
Süßer Liebesheimlichkeiten#
Diese Augen, diese Blicke

Was wird morgen, wer wird borgen
Essen, Arbeit, wie besorgen

Diese Augen, diese Blicke
Zukunftsblind, wie von Skulpturen
Kein Orakel, nicht Auguren
Wissen Ausweg aus der Nacht
Höchstens aus dem U-Bahnschacht

Diese Augen, diese Blicke
Niemand weiß wann wird es besser
Leises Flüstern, blasse Spuren
Pillenschrank und Fleischermesser
Zeitlos kalt, ticken die Uhren
Diese Augen, diese Blicke
Die Verschwundenen, die Gefundenen
Niemand weiß wohin sie fuhren
Lasten allen auf der Seele
Schnüren allen zu die Kehle

Diese Augen, diese Blicke
Iphigenie  alle diese
sanft empört in den Gedanken
Gehen würdig, ohne Wanken
Frei in ferne Paradiese
Diese Augen, diese Blicke
Opfern sich für uns, wir danken
Wartend auf die neue Brise
Die uns wieder vorwärts weht
Für die Opfer kommts zu spät
Diese Augen, diese Blicke
Ach wir sollten nicht mehr schweigen
Nicht mehr warten, neues wagen
Laut unsere Empörung sagen
Verblendeten Bedrückern zeigen
Dass es auch ganz anders geht
Manchmal ändern Augenblicke
Die Geschichte und Geschicke
Und ein Wind der Freiheit weht



Unter der Akropolis in einem kleinen Kaffe

Abschied ist eine kalte Angelegenheit
Weil etwas zu Ende geht, wenn`s auch nur weitergeht
Weil uns etwas weiterweht, nichts bleibt bestehen
Und das Ziel ist noch nicht erreicht
Dass der Abschied nicht unser Herz erweicht
Müssen wir es schützen mit Kälte und Panzerungen
Sonst wäre es ja schon ganz zersprungen
Von den vielen Abschieden, die unser Leben abnützen
Sonst würde es ja schon nicht mehr schlagen
Und alle Freude vergessen haben
Könnten wir den Abschied nicht ertragen
Wären wir schon lange begraben
Aber das Gute am Abschied ist der
Vorgeschmack auf Wiederkehr
Und das Gute an guten Erfahrungen ist
Man will davon mehr.-

 


Unter der Akropolis
Pärchen in den Wellen
In den Wellen unserer Haare
Wellen wunderbarer Jahre
schlafen wir den Schlaf des Lebens
Nehmens, Gebens, Nehmens, Gebens
schlafen wir Revolutionen,
auf und ab der Wellenspiele
Sind wir tot?, ach nein, wir schlafen
träumen von dem stillen Hafen
träumen, rings umringt von vielen
die wie wir von Freiheit träuumen
offenen, bunten Lebensräumen
einer Heimat - unsere Erde -
träumen, dass es Wahrheit werde
wie ein Lied aus fernen Tagen
eine Hoffnung, ein Erbarmen
träumen, dass wir uns umarmen
ungeachtet aller Grenzen
Sprachen, Launen, Differenzen
dass wir in das Lebensboot
alle miteinander passen
Liebe siegt über das Hassen
das uns allerorts bedroht
selbst die Liebenden verroht
Alle Reime fahren lassen
ungereimt, doch fest verleimt
ungeahnte Fernen lernen
hingegeben unser Leben
in Vertrauen, Neues bauen
Kurzes Dasein voll genießen
Ach, wir träumen, ach, wir schlafen
Ach, wie ist`s, dass wir uns trafen
unsere wunderbaren Haare, diese Wellen
diese Jahre zueinander sich gesellen
ob im Hellen, ob im Dunkeln
Sonnenschein und Sternenfunkeln
überschreiten wir die Schwellen
aus dem Nichts ins Ungewisse
in die Zukunft, ins Erwachen
wo wir uns das Ganze schön
und richtig häuslich machen
wo wir lachen, nicht mehr töten
wo wir, ohne zu erröten
ohne Eifersucht und Kämpfen
unser Leben liebend leben
nehmen, geben, nehmen, geben
und die Zeit auf dieser Erde
allen Menschen, wirklich allen
so zum Paradiese werde.

Sonne ist jetzt ausgetrunken
Ouzo ist im Meer versunken
Abend ist herabgefallen
Liebende sind abgedunkelt
Sterne haben angefunkelt
und ich stehe auf und gehe
anzusehen aus der Nähe
dieses Paar im Lockenmeer
meinen Träumen hinterher.

 



 

Eine Ahnung

Der Abend fällt auf diese Welt
wo nichts mich hält
ein Hund, der bellt
ein Lied, das scheint
Musik, die weint
Die Schatten kriechen
von der Akropolis hinab
Wieviele Griechen ersehnen
Nur noch das Grab

Der Wind weht, Winter kommt
die Schatten verkriechen sich
in den Ruinen, verstecken sich
vor all zu Satten, die nicht verziehen
ihre Minen, die noch niemals
zu leiden hatten.
Kälte, Hunger, Hass und Scham
Wer noch niemals zu Schaden kam
der kann nicht wissen, was das heißt
wenn man sein Herz den Hungerkatzen
vor die Nase schmeißt
der hat ein ruhiges Gewissen
wenn er den Wohlstand aus sich scheißt
und mehr frisst als er saufen kann
Der hat kein Herz für den armen Mann
der in den Straßen still verreckt
in Abbruchhäusern sich versteckt
in Parks kampiert, im Regenguss
der Nachts sich schmeißt in einen Fluss
der diese Welt nicht mehr aushält
die Sonnenstrahlen und das Glück
der anderen, die auf der hellen Seite wandern
der voll gefüllten Galerien und Schaufenster
die alles haben, ohne zu denken
teure Geschenke, Weihnachtsgaben
die ihre feisten Bäuche laben
und nichts und niemanden um sich sehen
auch wenn sie an der ärmsten Armut
erhobenen Kopfes vorübergehen
Ihr werdet das nicht überstehen
Einmal ist zuviel zu viel,
dann steht das Volk auf-
aus des Spiel!

 

Griechisches Haiku

Iphigenia
Ein stilles Opfer bringst du
Scham für uns alle

 


 

 

 

 

 

 

 

 

9.10.13

Davon…



8. Oktober 2013

Patrice Chéreau ist tot und ich möchte weinen
Er kenterte nicht auf dem Mittelmeer in einem Flüchtlingsboot
Und dennoch weine ich um unsereinen
Denn er war Flüchtling vor der Schurkerei der Macht
Und des Besitzes und der Barbarei
Er kämpfte mit den Waffen seiner Kunst und ihres Witzes
Und war ein Teil meiner Familie Vogelfrei
Der Lust am Leben, weitab aller Heuchelei und falscher Pose
Lege ich dir aufs Grab die rote Rose der Poesie, des unmöglichen Trostes
Und der Liebe, die unteilbar sei und allen mitgeteilt – die grenzenlose Rose
Leidenschaftlicher Unschuld, reinster Dunkelheit der Passion
Patrice Chéreau, du streifst nun mit Fouceault, in ungestillter Neugier
Durch die Ewigkeit, unendlich befreit, ach, wie frisst mich fast der Neid
Davon…

23.9.13

Wo ist der Sommer hin?



Eine Antwort zum Herbstbeginn

Wo ist der Sommer hin? Ich sag dir wo
In den Stoppeln der Felder, in den Furchen der Erde
Legte er sich nieder auf einen Sack Stroh
Und wartet, dass es wieder Sommer werde

Mit den Schwalben ist er in den Süden geflogen
Und mit den Flüssen schwamm er hinunter zum Meer
Zumindest hat er sich  warm angezogen
Einen Mantel aus Herbst und Wolken schwer

Mit den Blättern ist er zu Boden gefallen
Aufglimmt er bald in Scheiten aus Holz
Glitzert im Wald in Schneekristallen
Klagt nicht, wenn er friert, dazu ist er zu stolz

In uns ist er, knisternd, leuchtend warm
Rotwangig, zwischen Küssen und Kissen
Liegt zwischen uns, mit uns, Arm in Arm
Heimlich, wir müssen ja nicht alles wissen

5.8.13

Kooperation statt "Atomisierung"

Wir leben in unserer Welt und vor allem hierzulande wie in einem schlechten Traum. Manche meinen noch zu leben. Sie tun es oft nur noch reflexartig, wie ich auch. Demokratie, Menschenrechte, Solidarität. Ein schlechter Witz. Ein immer blutigerer Witz.
Es muss sich etwas ändern, es wird sich etwas ändern, wir spüren es im Grunde, verharren aber noch zu sehr, vereinzelt und atomisiert, in unseren alten Gewohnheiten und zugewiesenen Rollen

Wir lassen kübelweise Gewalt, Verblödung, Desinformation, Entmündigung, soviel Infamie, die über uns ausgeschüttet wird, über uns ergehen, wir scharen uns um Parteien, Initiativen, Gruppen und merken doch, dass wir auf Treibsand stehen, dass sich die uns bekannte, vertraute Welt auflöst in alle ihre Bestandteile, dass es so nicht mehr weitergehen kann dass die Eliten, die selbst ernannten politischen Hirten, völlig orientierungslos geworden sind und uns kreuz und quer ins Nichts Richtung Abgrund führen und sich dabei bestenfalls die eigenen Taschen mit papierener Wegzehr vollstopfen, Geld, das sie bald nicht mehr satt machen können wird, wenn die Erde verdorrt und uns die Luft erstickt, die Sonne verbrennt, das Meer ertränkt, die Städte und die Arbeit und Arbeitslosigkeit krank machen und die „ausländischen“ Nachbarn in den Verteilungskämpfen um die letzten fossilen Energievorkommen, uns, manipuliert durch alle nur erdenklichen Nationalismen und Rassismen der immer ratloseren gerade noch Herrschenden, als feindliche „Ausländer“, gar Terroristen, bekriegen. 2014 „feiert“ der erste Weltkrieg sein Hundert-Jahr-Jubiläum!

Es muss einmal Schluss sein mit dieser Spirale der global entfesselten Gier und Sinnlosigkeit, der Gewalt und der Gehässigkeit des absterbenden kapitalistischen Zeitalters, mit einer generalisierten Stimmung und Unmoral des egoistischen Raffens und Nichtgenugkriegenkönnens, die die eigene, vermeintliche Überlegenheit verkrampft nach außen kehrt und doch nichts anderes als angstgebeutelt ist. Von einer Angst, die verdrängt wird, nicht nur nicht zugegeben wird, sondern ängstlich versteckt und unter offensivem Gehabe, getarnt als Einsatz für die Globalisierung der Demokratie, als räuberische, neokoloniale Aggression nach Außen gekehrt wird. Gegen alle und jeden. Gegen das andere Land, die faulen Griechen, die andere Partei, den Nachbarn mit dem Akzent, die Asylsuchenden, einfach den Anderen, und die eingebettet ist in ein Netz aus Mächten und Abhängigkeiten über dem die Spinne der seit Hiroshima und Nagasaki jederzeit technisch möglichen atomaren Menschheitsselbstauslöschung lauert und uns alleine schon mit diesem Möglichkeitsgift lähmt und abhält vom ersten Schritt hinaus in die Unabhängigkeit und Souveränität der freien Entfaltung, nach der jedes Leben verlangt.

Willi Stelzhammer

24.7.13

Schnell niedergeschrieben

Als kleiner Nachschlag zu den heurigen "Geburtstagsgedichten"
  1. Juli 2013
Tropfen im Wasserfall

Leben, ständiges Sterben und Erblühen
In Girlanden von Tagen
Leben, ständiges Bemühen
Des Herzens zu schlagen
Leben, nur ein Witz
Unter unzähligen Sternen
Von Gedankenblitz zu Gedankenblitz
Ein ständiges Lernen und Fragen
Leben, überall, nie stehen geblieben
Ein Tropfen im Wasserfall
Unser Leben und Lieben
Und davon der Widerhall
Schnell niedergeschrieben

Juli-Aquarell

Betrachten, aus dem Schutz des Schattens
Licht- und Schattenspiel der Wellen
Dahinter, gegenüber, auf dem sonnenhellen
Damm, die Sonnenstrahlen, die im Gras zerschellen
Es klingt wie Glas, als würden Mittagsglastkapellen
Gar nicht stramm, herausposaunen Zitronengelb
Und Messinggrün und Kobaltblau, die dann zerfließen
In den Wasserwiesen, Verglühen, als Sommerfarben
Wie in Aquarellen

Du hörst die U-Bahn wie Metall vorüberrauschen
Zu irgendwelchen Höllenstadtparadiesen
Und Kinderschreie hüpfen übers Wasser
Ein lauer Wind bewegt die Blätter und würde den Mädchen
Sacht, im Sommerwetter unbedacht, unter die Röcke schlüpfen
Doch die bedeckt kein Fädchen, die sind nackt, so kann er bloß die Segel
Der Uferbaumarmada und die Federn eines Schwanes bauschen
Und, gegen jede Regel, den kleinen, weißen Schmetterling
Zum Torkeln bringen

Ich liege entrückt inmitten dieses schönen Bildes
Und ein Gedicht beginnt, ein leises, wildes, beglückt
In mir zu singen. Auf eine ganz gewisse Art und Weise
Muss ich Gedanken, Bilder und Gefühle
In Worte fassen die dann auf den weißen Seiten
Meines Büchleins singen
Auf dass sie mich auf meinen weiten Reisen
Des Lebens alle Zeit begleiten
Wie zarte Dampflokomotiven, die
Ohne Geleise, Abfahrt, Weg und Ziel, die Reise
Verschliefen und so, ganz zart und wolkig
In der Fantasie fast nie entgleisen

Sonne im Zenith

Sonne im Zenith
Des Lebens Mitte überschritten
Soeben in das kühle Nass geglitten
Und immer noch geschieht
Zeitloses Wunder des Genießens
Gefühl der Lust, des Schwebens
Und des Fließens und immer noch
Das Herz in meiner Brust im Takt
Des Universums schlagen hören
Sich von banaler Wunderwelt
Betören lassen, dem Moment ergeben
Jenseits von Raum und Zeit
Ins Wundervolle fassen
In meiner Welt und Wirklichkeit
Ganz einfach leben

Mir „schwant“...

Fünf Schwäne gondeln weiß an mir vorbei
Im grünen Wasser des Entlastungsgerinnes
Ich halte Ausschau nach der Lorelei
Als untrügliches Zeichen eines Neubeginnes

Ich nehme an, was es auch sei
Ich nehme die, die sagt: Hallo, ich bin es
Ich nähme selbst Altweibersommers fadenscheiniges Gold
Und sagte nur: Willkommen, sei mir hold
Ich nehm es und verspinn`es

Und wäre es zu Tinnef.

22.7.13

Starke Gefühle


Berauschend duftet
Regennachmittagsblume
Nach Junihaut


Rast und Ruh 2

Himmel blau, Bäume grün
Und in der Wiese die Gänseblümchen blüh`n
Sand unter den Fingern, Sonne auf der Haut
Insektengesurre, Vögel pfeifen
Unterm Dach hat sich einer ein Nest gebaut
Langsam verwehende Wolkenstreifen
Alles verwittert, stirbt, lebt, unverbittert
In dieses Bild eingesponnen - Du
Das unbesonnen die Ewigkeit webt
Zu Rast und Ruh


Votivpark - Gezipark

Dieselbe Sonne überall auf der Erde
Derselbe Zorn überall auf der Erde
Auf dieser kleinen Erde
Diese Rosine, die uns alle ernähren kann
Wenn wir sie nur teilen

Im Teig unserer Liebe ist sie die Würze
Und all ihre Süße ist eingeschrumpelt in ihr
Üppige Weintrauben, Früchte in allen Farben und Düften
Wir brauchen sie nur mit unseren Tränen zu benetzen
Und die Rosine wächst zu einem Rosinenbaum
Unter der Milchstraße und nährt uns alle

Die Erde unter mir, in diesem Votivpark
In Wien, ist warm von der Sonne und bebt
Von unseren schlagenden Herzen
Nach dem Rhythmus der Solidaritätslieder
Sie ist dieselbe Erde, wie die im Gezi-Park
Am Taksimplatz in Istanbul
Sie birgt unsere Wurzeln und bringt uns
Nicht dazu unsere Flügel zu entfalten
Und zu träumen von einer wunderbaren
Befreiten Erde, voll Wasser und Brot und Rosinenkuchen
Und brennenden Küssen und lachenden, satten Kindern

Nazim Hikmet, Pablo Neruda, Mikis Theodorakis
Viktor Jara und soviele andere Revolutionäre
Und Dichter und Sänger der Revolution, sitzen und liegen
Neben uns im Gras dieser Welt und singen mit uns
Und mit allen Verschwundenen, die diese Erde
Mit ihren Träumen und Hoffnungen düngten.

Die Mörder der Freiheit können uns nicht verbittern
Ihre geschmacklose, kurzatmige Gier wird verblasen
Ins All des Vergessens – Sternenmüll
Wir, das lebendige Volk der aufrechten Menschen
Sind das Salz dieser Erde

Ach, wenn nur der Vogel Freiheit daherkäme
Und sie aufpickte, die blaue Perle unserer Rosinenerde
Und sie mitnähme in die Weite unserer Sehnsucht
Nach liebender Freiheit


Tag, von Großmutter geweiht

Großmutter ist mir erschienen
Nach einem Besuch bei einer alten Dame
In einem alten Gemeindebau im 19. Bezirk
Der Geruch der kleinen Wohnung
Der schöne Balkonblick auf die Bäume
Die Kletterrose im Stiegenhausfenster

Plötzlich warst du da, Großmutter
Mit deinen Einmeterfünfzig
Und deinem schnellen, trippelnden Gang
Deine Liebe lebt immer noch in mir
Eure Liebe und deine Vitalität

Du sahst mir prüfend in die Augen
Blitzende Augen hattest du, schelmische Augen
An diesem strahlenden Junimorgen
War ich plötzlich wieder der kleine Bub im Garten
Und die Zeit, so es sie gibt, war stehen geblieben
Mit all ihren Düften und Lüften, Gräsern und Blättern
Und wolkenlosem Himmel

Plötzlich war mein Herz leicht und weit
Und lachend und wieder jung
Danke, Großmutter, für das Malzbonbon
Und das Wort „Hundsfuada“
Das auf irgend eine seltsame Weise
In meinen Ohren tönte

Das sagtest du manchmal, liebevoll strafend
Zu deinem krummbeinigen Dackelschäfer
Der dich die letzten Jahre begleitete
Wenn der sich irgendwie „daneben“ benommen hatte
„Hundsfuada“

Ich habe dich umarmt, dir die Wangen geküsst
Und Tränen sind in meinen Augen aufgestiegen
Aber nicht zu Boden gefallen
Danke, Großmutter, dass du mir diesen Tag
So unerwartet geweiht hast


4500 Selbstmorde seit Beginn der Krise in Griechenland


 
Bei Irene
vor dem Besuch der alten Dame

Wilder Wein im Sonnenschein
Blaue Schatten in den Zwischenräumen
Grüne Wand lädt ein zum Träumen
Katzen und Ruhe
Eine alte Liebe
Zeit läuft durch Siebe
Ganz ohne Schuhe

Im Sommer wirkt alles viel aufgeräumter
Bunter, wacher und zugleich verträumter
Das kommt vom Licht
Das zu uns in allen Farben spricht
Im Dur der Kontur
Viel klarer zeigt die Welt ihr Gesicht
Im Sommer nur


Besuch beim alten Dürrenmatt

Nicht tot bist du
Die Welt ist tot
Du lebst
Die alte Dame besucht die Welt
Und die Welt mordet
Mordet, bis kein Blut mehr herausspritzt
Aus der Menschheit Ill
Der kranken Menschheit
Die ihre Seele verraten hat...
Und wie du lebst
Dürrenmatt


Starkes Gefühl

Lau-laute Wirklichkeit
Die aus den Steinen schweigt und aus den Sternen singt
Wenn sie dem Nichts der Nacht entsteigt
Und uns um Schlaf und ruhiges Leben bringt

Starkes Gefühl

Alles läuft aus der Bahn, nichts ist so wie es scheint
Und alle Sicherheit ist Wahn und alles Wissen ist Verlogenheit
Wir haben uns ein Nest in Angst gebaut
Und halten uns an allem fest, was fest ausschaut
Und alles Kleine, Schwache, Weiche halten wir uns fern
Wir tun alles, doch wir tuns nicht gern

Starkes Gefühl

Wir funktionieren einwandfrei und ohne Fragen
Wenn wir vermeintlich leben und doch nur die Haut
Zu Markte tragen
Doch einmal kommt, so abgekämpft wir seien
Mitten im August, ganz unbewusst die Lust
Und lässt uns Freiheit schreien
Und Liebe und Verstehen und Verzeihen


Für gewöhnlich fühle ich sie nicht...

Dunkelgrünwasser
Goldsmaragdgrünes Schilfrohr
Des Abends Seele

Dunkelgrüne Wasserruhe, goldsmaragdgrün leuchtendes Schilfrohr. Der Abend öffnet weit seine Truhe, um uns seine Schätze zu zeigen und wie getriebenes Kupfer schimmert das Gewässer.

Ich schwimme in diesem Augenblick wie in einem Bläschen der Ewigkeit, wie ein Insekt in einem Harztropfen. Im Gegensatz zu Bernstein zerplatzt mein Abendaugenblicksbläschen sogleich und gibt mich wieder frei und der Endlichkeit preis. Aber ich weiß und fühle ganz tief in mir drin, dass ich soeben ein kleines Teilchen dieser Ewigkeit gewesen war und jetzt immer noch bin. Ich schwimme immer noch drin.

In dieser Sekunde habe ich alle Jahre verspürt, die zu leben mir bisher gegeben waren und auch alle Lieben waren darin kondensiert und die noch ungelebte Liebe sogar. Und die Wolken spielten und die Blätter grünten und die Blumen blühten und die Fische sprangen und die Sonne verglühte und das Abendhimmelmilchblau verblasste allmählich zu Nacht.

Das Leben ist ein Traum aus dem ich manchmal für Bruchteile einer Sekunde erwache und staunend feststelle, dass die Welt immer noch nicht zerfällt, immer noch hält was sie verspricht. Ich fühle sie nur so selten, die vergangenen und die kommenden Welten. Für gewöhnlich fühle ich sie nicht.


Utopie oder Tod

Wenn die Gegenwart immer unerträglicher wird und damit verbunden, das Ohnmachtsgefühl, wenn die Perspektiven und die Hoffnung auf Besserung schwinden und sich die Zukunftsaussichten und die Lebenswirklichkeiten immer mehr verengen, scheinen oft nur mehr diese beiden Alternativen zu bleiben. Und dort wo, wie aktuell in Griechenland und anderen von der Wirtschaftskrise verarmten und ausgegrenzten und massiv mit Schuld und Schulden belasteten Ländern Politik und Zivilgesellschaft keine oder zu wenige gangbaren Auswege in realistische Utopien zu zeigen imstande sind, bleibt den durch psychische Störungen ohnehin weniger resilienten Individuen oft nur mehr der Akt des mehr oder weniger rebellischen Suizids, der in jedem Fall von kundigen Hellhörigen als Akt des ultimativen Hilfeschreis, des Protests, des Widerstandes, der Auflehnung und Empörung verstanden werden sollte.

Tod

Die aktuelle globale kapitalistische Spar- Finanz- und Wirtschaftspolitik, die auf Ausbeutung des Menschen und Raubbau an der Natur  gründet, die Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit zerstört und durch extremen Konkurrenzkampf, Krieg und kaum verschleierten Terror die Menschen- und Freiheitsrechte immer mehr einschränkt und immer mehr Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließt und sie zu wertlosen, die Gemeinschaft und Wirtschaft belastenden Elementen und Faktoren degradiert, medial deshumanisiert und auf den Sozialfriedhöfen der erodierten Wohlfahrtssozialstaatlichkeit endlagert und entsorgt.

Realistische Utopie

Ziel der gesellschaftlichen, globalen Integration ist letztlich die Inklusion, Ermunterung zur Selbstermächtigung, Vertrauen schaffen, Hilfe zur Selbsthilfe, Mitmenschen wahr nehmen und selbst wahr genommen werden. Aufbau von Commons und kooperativen, vernetzten Lebens- und Produktionsgemeinschaften, die Sinnvolles und Lebensnotwendiges produzieren, durch direkte Wertschöpfung, regionale, austauschorientierte Vermarktung, unter Ausschaltung des oft parasitären Zwischenhandels (Fairwirtschaften, Fairhandeln), Schaffung von horizontalen, kooperativen, demokratischen, zwischenmenschlichen Kontakten und Zusammenarbeiten zur Erfüllung aller basalen Lebensbedürfnisse und Grundsicherheiten (Wohnen, Bekleidung, Ernährung, gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe), unter Einforderung des Grundrechtes auf interessante, schöpferische, sinnvolle und gerecht entschädigte Arbeit, eine interessante und abwechslungsreiche Existenz, die  anerkannt und gefördert wird.


Für den 70er

50 Jahre sing ich jetzt
Hab mir meine Schuhe
Und die Seele abgewetzt
Will nun meine Ruhe

Will nun tun was mir gefällt
Lesen, schreiben, staunen
Bin vergnügt in meiner Welt
Herrscher meiner Launen

Sage was ich sagen will
Denke was ich sage
Manchmal will ich sogar still
Tragen was ich trage



23.5.13

Der Hund zieht weiter...(für George Moustaki)

22. Mai 2013

Zwischen zwei Therapiesitzungen
Die Donau, Da sein, die Liebe und das Wort

Donaugeruch. Lebensgeruch
Fisch und Algen, Kuhflatich, Meer,
Brennesseln, Schilf…
Ein Schiff kommt daher

Die Donau fließt
Das Herz ist mir schwer
Und leicht zugleich, es fließt mit
Und es ist nicht aus Österreich

Da ziehen Zigeuner und flicken die Kessel
Da reiten die Hunnen, da tobt manche Schlacht
Die Donau zieht, aus ewigen Brunnen
Und Quellen gespeist, in grünblauer Pracht

Die Burgen verfallen, Dynastien stürzen
Vergänglich ist alles  - ich und die Zeit
Die Donau fließt wie zum Trotz des Zerfalles
In immer, nie gleicher Flussewigkeit

Und alles wird nichtig, Last trägt sie fort
Die Donau ist mein sicherer Ort
Nur das Da sein ist wichtig
Die Liebe und das Wort


Einfache Einsicht in der Einschicht

Glücklich wer Leistung und Lob
Zu einem fliegenden Teppich wob
Traurig, wer in Angst vor Tadel
Sein Leben abspult im Hamsterradel


George Moustaki

Das ganze Höllenfeuer glimmt in der Glut der Gauloise
wenn er sie in den Mund nimmt, um die Hölle auf Erden zu vergessen
Und alle Bitterkeit der Welt spülte er runter mit einem großen Schluck
Aus dem Rotweinglas und mit Gitarrenklang machte er müde Seelen munter
Lieder und Geschichten hingen in seinem Bart, Mondnächte und Seufzer in seinem Haar
Mit seinen Liedern zauberte er einen goldenen Rand um unsere triste Alltagsgegenwart und in Seiner Musik war eine kleine Freiheit die  Mensch und Mensch verband und wie eine Verheißung klang nach jenem Zauberland „Filotima“ wo alle Kinder satt und alle Meere sauber sind, wo Arbeit Sinn macht und das ist ihr Gewinn und Leben findet gleich und einfach statt. Brel, Brassens, Reggiani, Angelopoulos, Sarah Kirsch, Moustaki …wo sind die alle hin? Sie hattens eilig, konnten es nicht erwarten, dass wie ein Kartenhaus der schöne, kalte Schein  der besten aller Welten, Gier, Prahlerei, Konsum und Wachstum grenzenlos, in sich zusammenfällt und Macht Platz macht einem großen, stillen Garten, in dem man spielt, sich liebt, gemeinsam Haus und Hof bestellt und jeder Mensch was zählt  und wertvoll ist, in allen seinen Eigen-Einzigarten. Der Hund zieht weiter und die Karawane bellt.

23.4.13

Nur die Liebe hat recht


  1. April 2013
Gedankensplitter für ein Theaterstück

zEUss
Troika
Chor der MitläuferInnen
mit diversen Bändern aneinander gekettet
auf diesen Bändern Werbesprüche
Der Götterbote Baumgartner
kopfüber springend
die Demokratie in Frage stellend
Die Drohnen (Hornissen)
suchen sich die Andersdenkenden
und eliminieren diese mit „Neuronenbomben“
oder programmieren sie um
Facebook schickt likes oder dont likes
die Strahlen aussenden, bis
Alle strahlen

  1. April 2013

Erfreute Leute

Erleuchteter Tag
Dennoch die Knochen schmerzen
Leben ist sterblich

Junge Radlerin
Blickt mich an wie du damals
Despina, wie du

Überall heute
Erfreute Leute, vielleicht
Weil es Frühling ist


Ausbruch der Schattenherde
aus ihren Koppeln

Die Zeit ohne Schatten ist endlich vorüber
Sie strecken sich wieder die dunklen Tiere
Die Sonne schaut endlich wieder vorbei
Und die Schatten lassen sich nieder. Auf allen Vieren
Kriechen sie über die ganze Erde
Du siehst sie überall gallopieren
In Zeitlupe, ganz ohne Eile
Wie körperlose Schattenpfeile
Die Sonne ließ sie wieder frei
Die Schattenherde

  1. April 2013
Tiefer Eindruck

Wir waren jung, wir waren unaufhaltsam
Und unausstehlich waren wir auch
Wir waren Feuer und wir waren Kohle
Und werden bald zu Asche und zu Rauch
Doch eines ist gewiss, das Feuer brennt
Auch ohne uns und neue Blüten trägt
Der alte Strauch

Etwas, ich kanns nicht beschreiben

Knospen treiben, Vögel singen
Blauer Himmel, Wolkenfetzen
Etwas atmet in den Dingen
Etwas, das wird ewig bleiben
Ewig Tod und Leben bringen
Wird uns heilen und verletzen
Etwas, ich kanns nicht beschreiben
Nur in blasse Worte setzen

Etwas ist in den Augen der Menschen
Das ist seltsam tief und verbunden
Es grünt und gelbt und blaut
Die Welt wechselt die Haut
Etwas heilt alle Wunden


Frühlingsreport
in Haiku-Form

Die Vögel haben
Das Zwitschern noch nicht verlernt
Die Zweige blühen

Sonne auf der Haut
Farbfeuerwerk im Auge
Schwäne im Wasser

In der Kuchelau
Nackt in der Sonne lieg ich
Und denke an dich

Im Wasser war ich
Noch nicht, das ist mir zu kalt
Aber die Seele

Wahre Anmaßung

Nichts soll mir gehören
Nichts
Außer das Nichts

  1. April 2013
Nach langem Winter
Weißrosa Blüten fallen
Im kurzen Frühlingl

Auch in der U-Bahn
Sagte mir ein Kollege:
Konfettiblüten

  1. April 2013
Nur die Liebe hat recht
Bei der I-Dance-Company und Peter Turrini in Krems

In den goldenen Netzen der Poesie
Zappeln die Traumfische
Wie Raumschiffe
Aus einer anderen Galaxie
Blühen Lächeln auf Gesichtern
Werden zu leuchtenden Lichtern
Und die Herzen schlagen offen
Stellen und lösen alle Fragen
Mit staunendem Hoffen
Wackelnde Anmut, schlurfende Grazie
Tanzen Würde ohne Bürde, grauenvoll, echt, wahr
Und Räume entstehen wo „Krank“ und „Gesund“
Sich gemeinsam verpflanzen zu Bäumen und Wesen
Aus einem Geschlecht, Hand in Hand, Mund an Mund
Haar an Haar, wunderbar. Und der Mensch kann genesen
Und die Welt wird gerecht. Und die Liebe hat recht.
Nur die Liebe hat recht

  1. April 2013
Verbünden, nicht binden
(für die Paartherapie)

Mit gebundenen Flügeln
Kann man nur fallen
Bestenfalls flattern
Nicht fliegen
Also
Gemeinsam, frei
Und ungebunden
Sich zum Fliegen
Verbünden

4.4.13

Endlich Frühling ist


Wenn...

Wenn ich genagelt bin an meine Zeit, an meinen Ort
Wie nagelt man Wolken fest und den Wind?

Wenn ich eingemauert bin in den Alltag der Gewohnheiten
Wie sperrt man den Schatten ein und den Sonnenstrahl

Wenn ich begraben bin in der Erde
Wie begräbt man die Sehnsucht und den Traum

Wenn ich gebunden bin mit den Fesseln der Liebe
Wie fesselt man die Freiheit der Seele
Wie unterbindet man ihren Flügelschlag

  1. Februar 2013

Durchpflüge die Nacht
Sääe die Schlaflosigkeit
Dresche das Traumfeld


Trauriger Morgen

Stephane Hessel ist gestorben. Der junge 95jährige, im herannahenden Frühling, in Paris, im Jahr 2013, 68 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus. Was für ein leuchtendes Beispiel eines erfüllten Lebens, das auch nach dem Tod nicht endet, weil es sich einschrieb in den jungen Atem der Zeit, ihre Probleme offen aussprechend und über den Gartenzaun des eigenen, endlichen Lebens hinaus zu entwerfen, zu planen, zu träumen wagte. Und nicht nur zu träumen.
Aufzurütteln, mit leiser, sanfter Stimme, auf den oft unbequemen Punkt zu kommen – genießt das Leben, schöpft aus dem Vollen, weidet euch aneinander und an der unendlich schönen und reichen Welt, aber vergesst nicht die die leiden, empört euch gegen die Ungerechtigkeit, fühlt das Unakzeptable, das uns umgibt, gleich wo auf diesem winzigen Erdball; und empört euch nicht nur, handelt – nach euren Möglichkeiten, nach euren Kräften, ihr könnt es – erhebt euch aus den Betten der Leichtigkeiten, aus dem Sumpf der Plattheiten und den seichten Vergnügungen und sucht das tiefe, freie Wasser, den weiten, klaren Himmel, die andere, schöne Seele nebenan und ergreift Partei für das Leben und die Liebe gegen den Tod, gegen alle Todbringer, die ohne Rücksichten die Schätze der Erde, die für alle da sind, plündern und unsere Lebensgrundlagen vernichten durch Ausbeutung, Raubbau, Krieg, Mord, nur aus kurzsichtiger, von Panik genährter Macht- und Raffgier.
Stephane Hessel, du bist jung gegangen in den aufbrechenden Frühling der freien Menschheit und du wirst da sein, einer der zahlreichen stillen, doch mahnenden Helden der Befreiung, wenn andere, neue Menschen einst die Früchte der Empörung ernten und in Freiheit freudig genießen.


Haiku

Kind an Vaters Hand
Zum Frühlingskindergarten
Blitzstrahl der Liebe


Märzkälte

Vögel in Kälte
Zwitschern. Die rote Katze
Sucht Mäuse im Schnee


Wo ist Frühling?

Kalter, grauer Winterschleier
Liegt über der Frühlingsstadt
Allen geht das auf die Eier
Alle haben es schon satt
Wann findet endlich Frühling statt?

Sinnlos ist das Stadtgetriebe
Ringsumher nur falscher Schein
Schneematsch, keine Spur von Liebe
Kann hier Leben nützlich sein
Kann den Liebe hier gedeihen?

Und dazu noch dieser graue
Kalte, alte Wintermief
Frust und Frost wohin ich schaue
Wo ist Frühling – er verschlief
Liegt im Bett zu Haus der Schlaue
Und lacht über uns sich schief


Märzweh, Herzschnee

Märzschnee und Herzweh
Passen reimlich zusammen
Das muss nicht so sein

Schnee weh das Märzherz
In Aprilsonnenblüten
Und Regen so warm

Dass es sich öffnet
Dem wärmenden Sonnenstrahl
Und Winter vergisst


3. April 2013

Lass es uns im Schneetreiben treiben

Der Winter will nicht enden
Und alle Tiere leiden
Der Mensch ist auch ein Tier
Das lässt sich nicht vermeiden

Die Sonne ist ein Stück
Vertrocknete Zitrone
Kalt ist es auf der Erde
Die ich bewohne

Die Vögel fallen vom Himmel
Ihnen tut nichts mehr weh
Gefrorene Schreie zerspringen
Lautlos im Schnee

Behagen will sich nicht einstellen
Eine Brücke führt von Winter zu Winter
Sie führt über den Fluss Nichts
Da will ich nicht drübergehen

Zum Glück sind wir Tiere auch
Wenn uns die Gedanken nicht wärmen
Zünden wir einen Funken an
Und reiben Bauch an Bauch

Ewig kann es so nicht bleiben
Der Frühling jungt und das Gras
Wir zerbrechen das Glas
Und zwitschern vor Liebe

Der Schnee soll uns den Buckel runterrutschen
Die Kälte soll uns in die Knochen steigen
Wir besteigen feuriggoldene Kutschen
Und verschwinden im Du
Machen uns breit
Ungeachtet des Wetters und der Jahreszeit

  1. April 2013

Endlich Frühling ist

Die Freude überlistet
den Sprung im Gemäuer
oder in den Himmel

Der Efeu drängt
wie Engelflügel
in die Sonnenstrahlen

Wolkengebälk
zerflattert
und die Vögel
wissen nichts mehr
als zu singen

Die Singvögel
gackern richtiggehend
vor Freude

Und die Menschen
trennen sich
in Liebespaare
und die anderen