Der Winter. Die Angst vor dem Nichts. Die Angst vor dem Tod. Wir
klammern uns an falsche Sicherheiten, Gewohnheiten. Ö1 begleitet uns
täglich gekonnt, Facebook verbindet uns virtuell und die Zeitungen
berieseln uns mit schlechtem, schmutzigem „Schmeh“. Wir empören uns, wir
„disliken“ die neue Flohzirkustruppe, die uns ein Österreich
vorgaukelt, das es so gar nicht gibt, nie gegeben hat und die in
Wahrheit das Land auf ein Schäbigkeitslevel runterregiert, das mehr und
mehr dem gleichnamigen Schmierblatt gleicht.
Wir echauffieren
uns über die „Idioten“ an der Regierung wie am schlechten Glühwein an
den Charity-Punschständen, der Weihnachtsmärkte, die wir widerwillig
doch beehren. Wir hängen bis über den Hals drin in der Arschgeige der
Abhängigkeiten – vom (Atom)Strom, vom Supermarkt, vom Flautegott
Konjunktur, vom Übergott Kapital, von Leviathanischen
Brüssel-beschlüssen, die längst schon die nationalstaatlichen,
parlamentarischen, demokratischen Handlungsspielräume abgeschafft haben,
paradoxerweise nicht die der Landesfürsten und der nationalen
Regierungschefs, sondern vor allem die individuell menschlichen und die
assoziiert zivilgesellschaftlichen.
Nationalstatliche
Identitäten – nebelhafte Chimären von Gestern. Das rot-weiß-rot-Bild des
Wachauer Marillen-knödelösterreichs, der „erste-Opfer"-Lüge, des dritten
Mannes, der drei von der Tankstelle und des Kreiskyschen Reformerbes,
kommt vielleicht noch in quälenden Assimilationsprüfungsfragen für
Staatsbürgerschafts-aspirantInnen mit Migrationshintergrund vor, ist aber
realiter (Gott sei dank, wenn es ihn gibt) lang schon außer Kraft
gesetzt, wir merken es nur nicht. Es geht uns trotzdem noch recht gut,
dem Cap geht’s im Renner Institut noch besser, die Dramen - Kriege,
Hunger, Armut, ertrinkende Flüchtlinge..- sind weit weg (obwohl sie doch
auch bei uns im Land nicht mehr zu übersehen sind). Aber der Opernball
ist gesichert und die Volkstheaternachfolge und die Regierungsbildung
unter dem Weihnachtsbaum, ohne Wissenschaftsministeriumspackerl, aber
mit Bundespräsidenten-ansprache, weihnachtsmännisch, voll väterlicher
Stabilität. Gähn.
Zuviel Ohnmacht des Einzelnen zieht hinunter
in die Lethargie und Depression, aber wer hat schon Zeit, Bock und Kraft
(außer Ute Bock und Asyl in Not und eine Handvoll anderer) seine
Vereinzeltheit aufzugeben und sich ein wenig mit seinesgleichen
souveräner und handlungsfähig zu machen? Hand aufs Herz: Solange Wien
Energie uns noch mit erschwinglichem Erdgas aus Russland versorgt und
Hofer billiger ist als Billa, solange die U-Bahnen noch fahren und das
AKH uns im Krankheitsfall nicht abweist wie schwangere „AusländerInnen“,
mit der „Mahü“ für Stadtgesprächs-Stoff und Zoff gesorgt ist und uns
die Gratiszeitungen gratis um die Ohren fliegen, solange wir an die
Wohlfahrtsstaatsillusion ebenso fest glauben dürfen wie an das
konsumgeile Christkind, ist es ziemlich unerheblich welche Kasperln mit
oder ohne Herz an den Schaltstellen der politischen Scheinmacht
herumfingern. Die Wirtschaftslobbys ziehen an den goldenen Schnüren der
Kanzler-, Präsidenten- und Minister-marionetten, lassen die Jasager und
Abnickerparlamentarier aller europäischen Provinzen den
"last-rating-Tango" tanzen, designieren die Sünden-böcke, die auf dem
Altar des hohlen und überholten Konsumhedonismus unser aller
Bequemlichkeit geopfert werden sollen: Spanien, Griechenland, Italien,
Portugal, Irland, Südost und Osteuropa…60% Jugendarbeitslosigkeit,
rasant steigende Suizidraten, niederbrechende Gesundheits- und
Sozialsysteme, wachsende Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit, Sturmseen
auf die Mühlen des populistischen Rechtsextremismus. „Und wenn ihr nicht
spurts und sparts, dann geht es euch hier bei uns bald ebenso!“
Aber die allerschrecklichste Macht hat sich längst eingenistet in unser
Denken und Fühlen (bezw. Nichtfühlen) und dort ist sie im Moment unser
ärgster Feind, der uns wirkungsvoller und nachhaltiger lähmt und
beeinträchtigt als alle Rudasse, Faymänner, Mikl-Leitners,
Spindeleggers, Straches, etc. zusammengenommen, die uns, dem Volk, das
eigentlich laut Verfassung und im Sinne einer lebendigen Demokratie der
Souverän sein sollte, der Auftrag- und Arbeitgeber der Regierung, den
Nipf nimmt irgend etwas grundlegendes an diesem, an seine Grenzen
gekommenen, überkommenen Wirtschafts- und Politsystem zu ändern: die
verständliche Urangst unsere kleinen, miserablen Privilegien,
Bequemlichkeiten und Scheinsicherheiten eines braven, fleißigen,
abhängigen und gehorsamen Untertanenlebens für ein freies,
selbstbestimmtes, sinnerfülltes Dasein einzutauschen, wenn nötig auch
aufs Spiel zu setzen, Risiko einzugehen, nein zu sagen zu einer immer
unmenschlicheren Welt, die wir so nicht wollen, auch wenn wir die Lösung
aller Probleme nicht in der Einkaufstasche haben, sondern gemeinsam
suchen, besprechen und möglichst friedvoll, weltweit umsetzen müssen.
So, Ende der Erklärung. Jetzt hab ich mich, fürs erste, genug abre(a)giert.