21.3.12

Abschied von meiner Freundin Eva Brunner Szabo

Jänner 2012


Eva

Das was du bist ist intakt, unsterblich, einzigartig da
Das was du bist ist nicht krank, das was du bist ist mir nah
Unzerstörbar ist es du, jeder Atemzug, Gedanke, jedes Blitzen deiner Augen
Deine Skepsis, deine Schnippigkeit, dein lakonischer Witz
Welche Himmel können die uns vorenthalten

Niemals sehen wir dich fromm deine Hände falten
Oder sprachlos akzeptieren Dunkel und Gewalten jeglicher Provenienz
Dich besiegt der Tod nicht, denn du lebst außer Konkurrenz
Deine Vorstellung von Sein und Existenz

Bist ein Vogel aus dem Nichts, klein, unscheinbar
Faszinierend und verlockend wunderbar
Eine verwandte Seele, gut in vielen aufgehoben
Wollen deinen Tag noch vor dem Abend loben
Und dir unsere Liebe sagen

Wir, die wir dein Schicksal mit Dir tragen
Wir sind lebenslang von Dir bewohnt
Durch dein Dasein sind wir reich belohnt

Eva, auf dem Flohmarkt der Ewigkeit
Geht dein Film niemals verloren
Irgendeinmal wird er neu geboren
Eva, du gehst uns nicht verloren


Eva stirbt

Eva stirbt –  der Frühling geht ins Land
Was wollte er mir sagen dieser Leichenwagen
Von links nach rechts heute morgen
Jetzt halte ich deine kalte, matte Hand
Und höre dich letzte, spitze Seufzer sagen
Du bist schon jenseits aller Not und Plagen

Du gehst den letzten Weg als Kunstwerk aufgebahrt
Ich denk an deine Fotos in Großmutters Totenhemd
Gespenst aus Stroh und Wachs
Ein Lebensfunke von Erinnerung bewahrt
Dein schöner Kopf, fahl, schütterschwarz behaart
Und über ihm die Maske eines Dachs

Ein frecher Dachs warst du und wieselflink
Ohnmächtig eigenwillig, von blitzender Intelligenz
Sensibel und verletzlich, ein sarkastischer Spatz
Ich habe dich geliebt als Freundin Gegensatz
War ich ein Schmalztopf warst du ein Korn Salz
War ich ein Ausrufzeichen, warst du schlichter Punkt
Und keusch warst du, war ich ein Hahn in Balz

Deine Ergänzung brachte stets Erglänzung
Durch deinen tiefen Humor hats zwischen uns gefunkt
Du bist eine liebende Künstlerin
Ich hab nicht viele Freundinnen,
Eine warst du

Im Schöpfen waren wir uns nah verwandt
Du stirbst jetzt – und der Frühling geht ins Land
In meinem Herzen bleibst lebendig Du
Und keine Ruh!

P.S.: Und wieder einmal habe ich die richtigen Worte erst zu spät gefunden
Ich hoffe sehr du hast sie schon vorher empfunden

Es ist die Liebe

Es ist die Liebe, die uns wiederkehrt,
uns jeden Frühling neu beehrt
Das Wachsen bis zum Sterben – diese Dehnug
die uns vom Anfang bis zum Schluss verzehrt
und unbarmherzig jeden Trost verwehrt.
Gestattet mir noch die Erwähnung:
Wir lebten gar nicht wär sie uns verwehrt.


I bin a Monument aus Schmoiz


hoffantlich hoits!
I brauch Pfeffa und Soiz
I bin leicht zum eibrodn
daun kaunst in Schmoiz wodn
weu do schmüzt mei Stoiz

I bin a Monument aus Schmoiz
des is vielleicht net gaunz konform
und ziemlich sicha aus da Norm
Aus mia kaunst ka Reiterstaundbüd mochn
ka Denkmoi aufm Hödnplotz
nua schmoizige kitschige Sochn
weu i sunst umanaundapotz und zrinn
weu i a echta schmoizoff bin
So haum mi meine Ötan gmocht -
sentimental und woch und doch
waun i koit augwaht wia
wia i hoat, robust und kumm
a leicht in Foat

Des is ka Lercherl, gfruranes Schmoiz
waun i mit hoatm, gfruranan Schmoiz
üba de Gegner drüberwoiz
do bin i plötzlich nimma zoat
mit schaurig-schrecklichem Gramlboat
Oba, waun ma mia schene Augn mocht
und woam und freundlch kummt und locht
daun schmüz i weg
wia Schnee im Dreck
wia Schmoiz im Pfaundl
aum Gänglbandl der Gefühle
und sehne mich nach einer großen Kühle
noch Brod und Soiz
zu mein fadn Schmoiz

Eva – ave!

Abschiedsgedanken beim Glasorgelspiel

In der Zwischenwelt der Töne und des Lichts
Im Schweigen und den ungeweinten Tränen
Im Eismeer allen jubelnden Verzichts:
Der unsichtbare Schwan zwischen den Schwänen

Die Kunst des Alltags ist mit dir gefärbt
Im Morgenlicht begrüße ich deinen Strahl
Und wenn der Schmerz mich überwältigt
Stehst du vor mir schmal und unsentimental
Und lächelst.


Schwarzer Vogel Traurigkeit

Schwarzer Vogel Traurigkeit
fühle in meinem Blut deinen Flügelschlag
im Geäst der Nerven sträubst du dein Gefieder
färbst den Frühling mirzu dunklem Tag
lässt dich kalt in meinem Herzen nieder
wo es Tränen schneit

Schwer bist du, aus Blei, wild pickt dein Schnabel
unbarmherzig auf dieselbe Stelle
ich will aufstehen, doch es ziehen schwere Kabel
mich hinunter in dein Unbekanntes
Unüberwindlich scheint des Auswegs Schwelle
ewig unerreichbar alles Helle
es versklavt mich etwas Unbenanntes
und ich wäre doch so gerne frei

Flöge gerne mit dir in unvorstellbare Weiten
wie ein beflügelter Stein, ein Stern aus Schmerz und Glück
Ach, wie gerne würde ich dich begleiten
Doch der schwarze Vogel Traurigkeit – er muss
ein Freund sein – und von dir geschickt,
hält mich noch zurück

Nichts ist zu Ende

Nichts ist zu Ende solange der Lebensbaum blüht
solange die Sonne verglüht
nichts ist zu Ende, solange deine Hände
den Atem der Erde trinken
Nichts ist zu Ende solange die Blicke der anderen winken
durch den Schleier der Tage, durch die Nacht der Zeit
Nichts ist zu Ende solange die Gräber sich öffnen
und die Zukunft gebären.
Nichts ist zu Ende solange wir begehren

Grabrede

Eva, ich danke dir, dass ich dein Freund gewesen sein durfte.
Es gab eine Eva und es gab viele Evas. Einige habe ich davon gekannt, von ihnen will ich hier reden. Andere habe ich nur geahnt und gefühlt – Eva als leidenschaftliche Tante, Eva als Frau und Liebende, Eva als Tochter und Schwester, Eva als intime Freundin und tiefgründige Feministin...
Ich habe Eva als politischen Menschen erlebt, als femina politica. In der Sozialbewegung, im Kampf für Asyl- und Menschenrechte und vor allem für freie Meinung und für freie Radios.
In Wien und in Kärnten haben wir Piratenradios organisiert, Sendungen konzipiert und gestaltet, die Zensoren der Rundfunkbehörden an der Nase herumgeführt. Freie Radios konnten wir durchsetzen und auch sonst so manche positive Veränderung, - aber soviel bleibt noch zu tun!
Sie war eine treue Freundin, für mich ein Pfeiler der vielgenannten Zivilgesellschaft, nicht der operettenhaft aufgeblähten Chimäre derselben, die in Wahrheit nur Vorfeldorganisationen am Gängelband der Parteiblöcke ist, sondern jener in tausenden Assoziationen verwobenen, zusammengesetzt aus feinfühligen, autonom denkenden, engagierten Menschen, die sich in Bewegung setzen wenn soziale und politische Zustände und Entwicklungen unaushaltbar werden, wie beispielsweise damals 1993, mit dem Lichtermeer gegen das „Ausländervolksbegehren der Haider-FPÖ, ein Volksbegehren, das sich erstmals existenziell bedrohlich gegen Menschen richtete, oder zur Zeit der darauffolgenden schrecklichen faschistischen Briefbomben-Terroranschläge gegen Asylsuchende, MigrantInnen und Menschen fortschrittlicher, humanitärer Gesinnung, die in dem unvergesslichen ersten politischen Mord der zweiten Republik an den vier Roma-MitbürgerInnen und Mitmenschen in Oberwart, deinem Heimatort, gipfelte.
Eva war ein mutiger, engagierter Mensch und sie war da wenn man sie brauchte. Sie fehlt nicht nur als Mensch, sondern – und das hätte sie vielleicht aus Bescheidenheit nicht gerne gehört – als seltene ethische und politische Größe, als Teil eines utopischen Gegenentwurfes zu unserer krisenhaften, korrupten, immer menschenfeindlicheren und ungerechteren globalen Gesellschaftsordnung; sie fehlt schließlich als Künstlerin.
Sie fehlt wie Peter Kreisky, wie Dieter Schrage und mir persönlich noch viel mehr als diese, denn wir waren uns, bei aller Verschiedenheit der Charaktere und Temperamente vor allem in Belangen der künstlerischen Sensibilität und Kreativität sehr nahe. In einer Nähe, die ich nur mit wenigen so teilen konnte und kann und deren Echo sich in unserem gemeinsamen Film Kontinent: Alter über die Wirklichkeiten der mobilen Pflege älterer Menschen wieder findet.
Alain Badiou, der französische Philosoph sagt in seinem letzten Büchlein „Lob der Liebe“ einen treffenden Satz: Die Liebe ist aber wie jedes Wahrheitsverfahren wesentlich uneigennützig. Ich habe das Gefühl im Sinne dieser Interpretation von Liebe waren wir alle hier in deiner Liebe eingeschlossen. Und wir können, bei aller Trauer und bei allem Schmerz auch jetzt noch etwas für dich tun.
Ich als Agnostiker glaube daran, dass geliebte Menschen in einem weiterleben, dass wir uns bemühen können sie und ihre Essenz in uns lebendig zu halten. Das wird bei dir, Eva, schwierig sein, denn du warst bei aller Menschlichkeit und Freundlichkeit ein sehr anspruchsvoller und kritischer Geist – nicht nur gegenüber der Banalität des Bösen, wie sie Hannah Arendt beschreibt, sondern auch gegenüber der „Banalität des Guten“ und vermeintlich Guten. Die Latte für uns liegt also hoch. Aber, Eva, wir werden es versuchen.



3.1.12

wieder ein paar gedichte


Das positive Trojanische Pferd
Idee für ein Kindertheaterstück über die „Altenpflege“ in Gedichtform

Das ist ein sonderbares Gefährt
Das halb fliegt und halb fährt. Leicht wie ein Luftballon
Ein Kind kann es ziehen und groß ist es, so groß wie ganz Wien
Und selbst wenn der Wind geht fliegt es nicht davon
Es passt in jede Wohnung hinein, was heißt Wohnung, in jeden Kopf
 Steht ganz lieb vor der Tür , macht diskret Klopf, Klopf, Klopf
Wiehert leise, grinst breit mit seinem Pferdegebiss
Schon ist ihm ein „Tritt ein“ und ein Lächeln gewiss.
Dann stehts mitten im Zimmer, wie ein Hund an der Leine
Des Pflegehelfers und der pflegt jetzt nie mehr alleine,
Denn immer ist nun auch das Pferd mit dabei
Daher sind sie von nun an immer drei
Der Pfleger das positive Trojanische Pferd und der Patient
Im Gaul stecken viele, die der Patient noch nicht kennt
Wenn der er Pfleger geht, bleibt das Pferd beim Patienten zu Haus
Und Nachts, wenn dem Patienten fad ist kommen alle heraus:
Ein Cowboy, ein Rapper, der fährt mit Geschepper mit dem
Skateboard übers Krankenbett-Gitter, dann kommt noch ein Clown raus,
Ein Ritter, ein Zwitter, die bauen sich am Nachtkastel ein lustiges Baumhaus
Gegen Sommergewitter. Aber wer glaubt dass das alles war,
Der irrt sich gewaltig, im Pferdebauch rumort es vielgestaltig
Ein Liebespaar promeniert innig umschlungen, ein Bänkelsänger
Hat sich heiser gesungen, ein zufriedener Banker erntet Gestänker,
 Ein Trompeter, ein Geiger, ein zaubernder Schweiger gar
Eine Elfe mit Sternschnuppenhaar, eine Triangel, die mit feinen Glöckchen spielt
Ein Liebesengel der auf „Herzengel“ zielt, ein Geschichtenerzähler, der zuhören muss,
Ein Tröster, ein Kerzelschlucker, ein entlaufener Kuss, ein Dichter, ein Zwetschkenröster, ein Niemalsducker, ein Detektiv, ein Kalif ein, Echo das niemand rief,
Das alles macht unser Pferd so positiv und liebenswert
Und ganz zum Schluss noch, aus dem Hier und Heut
Entsteigt dem Pferdebauch ein Gestalttherapeut mit runden Brillen und langem Bart:
Gestatten, mein Name ist Eigenart, ich bin ein Freund vom Krankenpfleger,
Vom Flausenleger und vom Schorfsteinfeger, kein Hosen, sondern ein Seelenträger
Wenn sie runterrutscht hol ich elastisch, sie gleich wieder hoch,
Das geht ganz fantastisch. Ich komme mit dieser bunten Schar
Zu Ihnen auf Besuch, wo ich noch niemals war, les ihnen vor ein Buch
Ist ihnen fade, servieren wir KasperliadeLimonadeMarmelade und eine poetische Bigrafie
schreiben ein Gedicht und machen die Schublade der Kindheit auf und kitzeln sie im Bade.
Nicht lachen, Lachen ist verboten, im Reich der Kranken, Siechen und Toten, lacht man nie
Nein, eh nicht, war nur ein kleiner Scherz, ein bisschen Aufregung ist ganz gut für`s Herz.
Nein der Hafer hat uns nicht gestochen, sind freiwillig aus dem Pferd gekrochen um ihre Gesundung zu unterstützen – auch wenn uns bisher noch keiner kennt, ich hoffe sehr es wird ihnen nützen.  Wir tun das gerne und kompetent- wir sind pflegeleicht, leben bewusst Diätetisch und sind auch sonst ganz bioethisch, um nicht zu sagen biopsychosozial
trinken Wasser leben brav und normal,  fressen nur ein wenig Soja und Bohnen
–, wir sind das positive Pferd aus Troja und werden nun bei Ihnen wohnen.
Freuen Sie sich schon? Heh, warum laufen Sie davon!



Daheim bin ich dort

Daheim bin ich dort wo ich liebe
Wo ich, wenn man mich vertreibt
Gerne bliebe
Wo mir vor Schmerz beinahe das Herz
Stehen bliebe
Wenn man mich von dem Ort
dort vertriebe
Daheim bin ich dort wo die Triebe…

Bei mir bin
Ich nur bei Dir
Und ich leide
wie ein Tier
ist geschlossen
deine Tür.


18. November 2011

Dichter und Kalafati

Der Dichter liebt aus sich heraus
Er lebt in seinem Schneckenhaus
Aus seinem Dichterschneckenhaus
Liebt er die ganze Welt
Er liebt nicht Dich, er liebt nicht Dich
Er liebt Punkt, Komma, Bindestrich
Anführungs- und Rufzeichen
Strich – Doppelpunkt, etcetera
Und manchmal auch die Klammern
Er liebt geheime Kammern
Er ist ein Wortentketterer
Haucht Leben ein in Leichen
Anstatt sie zu bejammern
Er liebt was ihm gefällt
Und ihn am Leben hält

Der Dichter liebt aus sich heraus
Ihm ist selbst eine graue Maus
Prinzessin, Elfe, Zauberfee
Der Dichter liebt sein eigenes Weh
Macht sich ein Paradies daraus
Von Bildern und Ideen
Von Tränen und Chimären
Er will durchdringen und verstehen
Alles vom Kopf bis zu den Zehen
Sein Leben ist Begehren
Und sich danach sein Leben lang
Von Anfang bis zum Untergang
Vor Liebe sich verzehren

Der Dichter ist ein armes Schwein
Doch das macht ihm rein gar nichts aus
Er liebt sein Leben lang alleine
Im Grunde nur aus sich heraus
Doch lässt er vorher alles ein
In den Palast – sein Dichterhaus

Der Dichter ist ein Alchimist
Und ein Fantast
Macht Gesternpech zu Zukunftsgold
Und Gleichmut zu Verlangen
Aus Alltag macht er Tag im All
Zu Lust macht er die Last
Zum kühnen Flug macht er den Fall
Macht, Schicksal, selbst jüngstes Gericht
Fürchtet die Dichterliebe nicht
Stellt ihr ihn auch am Pranger aus
Der Dichter liebt aus sich heraus
Noch unter Folterzangen
Schreibt er noch ein Gedicht
An Greti und an Pleti
Den Jeti und an Kathi
Und selbst am grauenvollsten Ort
Nimmt man ihm seine Seele fort
Wäre sein allerletztes Wort:
Der Dichter ist ein Kalafati –
Amor fati.


23. November 2011

Gedichtbild

Der erste Raureif liegt auf den Hügeln
Der Wald steht im Nebel mit weißen Flügeln
Wie eine Wolke, auf der Erde gestrandet
Gegen die das graue Himmelsmeer brandet
Der erste Raureif im jungen Winter
Du spürst schon Eis, Nacht und Kälte dahinter
Niemand kann sagen was Morgen ist
Das Hier und Jetzt ist unsere Gnadenfrist.

Kreisler hat uns verlassen…

Kreisler war kein Greissler
Und kein Krämer
Er war ein Geissler der Verhältnisse,
Ein Unbequemer
Kritiker herrschender Unkultur
Er spurte stets neben der Spur

Er war kein Wetterhahn
Er war ein Hahn aus Fleisch und Blut
Sein Kikeriki
War manchmal eitel,
Aber billig nie
Und nicht anbiedernd
War sein Übermut
Scharf wie ein Taschenfeitel

Echt war die Wut und er
Im Unterschied zu anderen,
war kein Staatskünstler
Er war kein „Onliner“
Er war ein „Ohne Leiner“
Ein ganz famoser Maulkorbloser
und kein Schleimer-Reimer
Für die Galerie der Macht, die
auch mal gerne lacht
Wenn über sie wer harmlos
Witzchen macht.
Seine fürchteten sie.

Er war kein Facebooker
Er hatte ein Gesicht
Und auch ein „Gschichteldrucker“
Für Seitenblicke-Gucker
War er nicht

Was war er eigentlich?
Ein Grenzgänger gegen den Strich
Er ging nie auf ihm, er war nicht in
und er war auch nicht cool
er war ein Jude, „Bourgoisanarchist“
Ausländerin und schwul
War penetrant und arrogant und genial
Und wenn er sang brannte er lichterloh
Wie ein Fanal gegen die Mordsdummheit
In unserem Jammertal, wenn er trompetete
Stürzten die Mauern ein um Jericho
Auf Erden wurde es ihm zu dumm,
hat selbst sich abgeschoben
Fühlt oben, ohne Publikum,
sich besser aufgehoben
Verständlich, denn wo er jetzt ist
Ist er nicht mehr alleine
Arbeitet dort als Librettist
Für Tucholsky, Brecht und Heine

Zum Abschied sagte er uns schlicht:
Welt, Leut, es ist vollbracht
Dann schrieb er schnell noch ein Gedicht
Wie blöd die Sonne lacht
Jetzt tanzt er mit den alten Tanten
Mit seinen Freunden und Bekannten
Den ewigen Tango in der Nacht
Lächelt blasiert herunter:

„Macht euch jetzt selber munter!“
Entwickelt selber Fantasie
Ihr Untertanenherdenvieh
Finanzkrise und Schuldenbremse
Und globalisierte Flach-Lachindustrie
Rutscht mir den Buckel runter!


27. November 2011

Vickal Hiasch

Trauriga,
schmoipickta Bua
mit de großn Augn
S`Gegenteil von mia
Jetzt hean da plötzlich olle zua
Jetzt wosd ogstuabn bist
Stehst in da Bliah
Und se kennan dia des Moach
Aus de Bana saugn

Hiasch,
jetzt hängans dei Gweih
in de Wiatsheisa
nebn de Damenheisltia
und spüln di auffe und oba
im ORF, Ö-ans und Ö-drei

Trauriga Bua
Jetzt host ausgspült
In da Saundkistn
Der kollektiven Verdrängung
Jetzt wird da ollas vaziehn
Und vagebn
Jetzt wirst zum Pavarotti
Der Kretins der Beengung
Und kriagst a Eahngrob
am Zenträu
und olle lossn di hoch leben!

Oisa Doda mochns in Heinz Conrads
Ausm Georg Danza
Und aus dir in Mario Lanza
Fir de Meschuggenen
Und Ollas is eich auf amoi vaziehn!

De Omama min Hitlerbüdl
Da Kindaschändapapa von da
Nochbarstiagn –
Oba in Wirklichkeit
Kennans di net kriagn
Wäu im Gegnsotz zu dia
Kennan de net fliagn

Trauriga, schmoipckta Bua
Hiasch mitn traurign Gweih
Fliagst durchn Woiknwoid
Stoiz, schee und frei
 und nix, nix is vuabei!


28. November 2011

Alt sein

Alt sein, keine Angst mehr haben
Etwas zu versäumen
Gut zu Hause sein in seinen Träumen
Offen halten Türen und Fenster

Und die Ernte seines Lebens teilen
Mit den anderen und dem Wind
An den Tisch einladen die Gespenster -
Enttäuschungen, Kränkungen, Ängste, Verluste…-
Mit ihnen ehrlich reden über das Verdrängte, Unbewusste
Wie ein altes, weises Kind

Alt sein heißt: Noch immer alles Leben,
Aushalten die Endlichkeit, das Jetzt genießen,
Dass uns die Sonne lacht, dass Blumen sprießen
Alt sein heißt wissend verzeihen und vergeben
Und fast ohne Bitterkeit mit unserer Welt
Zum Meer der Ewigkeit zu fließen
Abschiedlich leben
Alt sein, heißt immer mehr abgetrieben
Vom Quell zur Mündung hin dem Strom sich überlassen
Alt sein, heißt nach den Sternen wie in Erde fassen
Noch immer leben, noch immer lieben
Ziel – unerreicht, im großen Ungefähr
Alt sein ist leicht, ist man noch jung geblieben…
Aber alt werden…

Alt werden ist schwer!

14.11.11

TangoTexte


Inspiriert durch Peter Kantors Tanzkurs im CentrOnze, September/Oktober 2011

21. September 2011

CENTRONZE
Tango Latino-Europa.

Septembertango

Es war an einem Montag, im September, auf der Straße
An einem grauen Montag im September auf der Straße
Da sah er sie, sie war so schön, mit Tränen in den Augen
stolz vorübergehen

Nun, dreißig Jahre später blickt er wieder in ihr Fenster
Sie tanzt mit einem anderen, er steht draußen unterm Fenster
Was ist geschehen, wer kann verstehen, er sieht sie immer noch
An ihm vorübergehn

Wie damals an dem Montag, im September, auf der Straße
Das Glück war damals jung und nahm die selbe Straße
Er sprach sie an und es begann, er weiß bis heute nicht weshalb
Es dann zerrann

Heut tanzt nur die Erinnerung einen Tango der Gespenster
Nur der Septembermond so bleich wie damals glänzt er
Ertanzt allein, für sich allein, seinen Septembertango
In den Fluss hinein

Es war an einem Montag, im September, auf der Straße
An einem grauen Montag im September auf der Straße
Da sah er sie, sie war so schön, mit Tränen in den Augen
Blieb sie bei ihm stehen



Milonga im Tacheless

Bin ich weg vom Fenster bin ich nicht mehr da
Sehe ich Gespenster die ich noch nie sah
Gehe ich in Räume die ich nie betrat
Träume neue Träume um die ich nicht bat
Tue was ich nie tat

Ich bin schon so lange da, obwohl es mir so kurz erscheint
Obwohl das was ich heute sehe ich noch niemals vorher sah
Ich bin nicht mehr wer ich bin, ich bin nur der der ich werde
Jeder Atemzug ist wie ein Neubeginn endlich Mensch zu sein
auf dieser Erde

Bin ich schon bald sechzig wieder Großpapa
Nach der Liebe ächze ich doch die ist nicht da
Wo ist sie verborgen tief in mir versteckt
Fühle ich, schon morgen wird sie neu erweckt

Ich bin ein Mensch, nur ein Mensch im Sprudel der Jahre
Der wie ein Korken tanzt einmal unten einmal oben
Angestrandet sitze ich heute vor dem Meer der Zeit
In der lauen Herbstnacht vor der Tacheless-Bar
Zur Ewigkeit.

 Sommer schon im Gehen, Koffer schon gepackt
Wer kann das verstehen Herz schlägt noch im Takt
Bin unsterblich jung, wie geboren erst
Als ob Dämmerung du mein Morgen wärst
Sanft durchs Haar mir fährst

Kann es nicht glauben, dass der Winter vor der Tür steht
Werde es nicht erlauben, dass das alles zu Ende geht
Stemme ich mich auch vergeblich Zeit und Tod entgegen
Vor dem Tachless sitz ich trinke Wein und weiß auf einmal
Ich bin ich und lebe meinetwegen

Und auch für die anderen, meinetwegen

Ich bin schon so lange da, obwohl es mir so kurz erscheint
Obwohl das was ich heute sehe ich noch niemals vorher sah
Ich bin nicht mehr wer ich bin, ich bin nur der der ich werde
Jeder Atemzug ist wie ein Neubeginn endlich Mensch zu sein
auf dieser Erde



Herbstbücherflohmarkt-Tango

Werden Spatzen plötzlich Raben
Bäume drohende Skelette
Und die Träume die wir haben
Liegen an des Frostes Kette
Und die Seele treibt im Nebel
Die Ideen sind stumpfe Lanzen
In der Kehle steckt ein Knebel…

Dann geh auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen!

Wenn die Knochen dir vereisen
Herbstreif sich auf deinen Geist legt
Sonnentage kalt entgleisen
Und das Herz nicht mehr im Takt schlägt
Sitzt du trüb im kühlen Zimmer
Willst nicht mehr herumstrawanzen
Wird der Herbstblues immer schlimmer…

Dann geh auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen

Schleppst du müde dich im Dunkeln
Ohne Lust zur Arbeitsstätte
Siehst du keinen Stern mehr funkeln
Langweilst dich im Lotterbette
Hast dem Nächsten nichts zu sagen
Willst dich in dir selbst verschanzen
Bist es leid die Welt zu tragen…

Dann geh auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen

Kommst du nicht mehr hoch vom Hocker
Zählst die Regen hinterm Fenster
Ist die Seele nicht mehr locker
Draußen nur mehr Herbstgespenster
Bist du im Detail verloren
Siehst nicht mehr den Sinn des Ganzen
Dann geh einfach unverfroren…

Auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen

Und du bist wie neugeboren!
(jedenfalls nicht mehr verloren)

Guillermo di Ulme
Psychoterra- und GestalTango-Poet


Tango morbido

Ich tanze so gern Tango,
doch ich habe keine Dame
dafür nur einen Hund, der Tango heißt
ein schöner Name
Deshalb borge ich mir jedes Mal zum Tanzen eine aus
Und wenn sie nicht gut tanzen kann,
kommt sie nicht mehr nach Haus

Dann fahr ich sie zum Donaustrand
Charmant und wild, verwegen
An einen stillen Platz der unbekannt ist
und entlegen
Dort kann ich elegant die Hand um ihre Taille legen
Und mich mit ihr zum Uferrand im Tangoschritt bewegen

Und steigt sie mir auch auf die Zehen
und kommt auch aus dem Takt sie
ich pack sie, als wäre nichts geschehen,
das packt mich und ich pack sie
den Rest kann nur der Mond mehr sehen –
den Wagen und sie untergehen – ich fahr zurück im Taxi

Doch vorher tanz ich Tango noch
Perfekt, doch ganz alleine
Das Wasser tanzt, der Auwald tanzt,
der Mond, die Ufersteine
und ich, ich tanze sowieso – man wird auch ohne Dame froh
kriegt besser hin Crusade, Ocho
man ist famos die Sorgen los und Troubles hat man keine

Zu Hause wartet schon mein Hund, sie wissen, er heißt Tango
Er wedelt still, macht was ich will, nur tanzt er keinen Tango
Zum Frühstück esse ich gesund Milchshake und eine Mango
Dann geh ich ganz allein zu Bett und denke es wär doch ganz nett
Für einen echten Mann, wenn er so dann und wann
Mal eine richtige Dame hätt, die Tango tanzen kann

Es soll im richtigen Leben, ja durchaus welche geben
Und wenn sie nicht gestorben sind, wer weiß, ich mal die richtige find…
Es könnte sich ergeben, denn,

Ich tanze so gern Tango,
doch ich habe keine Dame
dafür nur einen Hund, der Tango heißt ein schöner Name
Deshalb borge ich mir jedes Mal zum Tanzen eine aus
Und wenn sie nicht gut tanzen kann,
kommt sie nicht mehr nach Haus…

Zu Allerseelen fahr ich Jahr für Jahr zur Donau raus
Nach Albern zu den Namenlosen, von Blumen einen Strauß
im Nebel graue Wellen tanzen, werfe ich hinterher
sollen tragen ihn zu den Emanzen, die alle so schlecht Tango tanzen
jetzt im schwarzen Meer – will ihnen durch die Blume sagen:
Ich bitte um Vergebung, doch es war nicht zu ertragen
es fiel mir wirklich schwer, doch ich liebe Tangotanzen viel zu sehr


Bücher-Tango
bis die Wogen Wiegen wiegen

Wenn die Bücher Tango tanzen
Mischen sich frivol die Seiten
Und so manche Diskrepanzen
Lösen sich im trauten Gleiten

Bild von liebeskranken Pfauen
Die im Takt herumstolzieren
Tief sich in die Seelen schauen
Sich drin finden und verlieren

Politik mit Belletristik
Lyrik mit der Mathematik
Tanzt voll Anmut und Artistik
spannungsvoll bewegte Statik

Deckel an Deckel, gerade Rücken
Halten sie sich in Balance
Fest sich aneinanderdrücke
Gleiten hin voll Elegance

Halb versinken und halb schweben
Schwer und doch voll Leichtigkeit
Halb ersterbend, doppelt leben
Einsam voller Zweisamkeit

Liebesromanes,Storchenbeine
Schlingen sich um Ethik – Bibel
Zwei Figuren werden eine
Tangotanzen ist nicht ibel

Pornografen, Katholiken
Alle tuns, mehr oder minder
Manchmal tanzen sie zusammen
Und dann gibt’s im Frühling Kinder

Tangotanzen ist gefährlich
Leidenschaftlich wiegen Wogen
Aber seien wir mal ehrlich
Tangotanzen, ungelogen
Ist im Grunde unentbehrlich
Soll die Menschheit nicht versiegen
Und in Müdigkeit ermatten
Tango regt an zum Begatten-
Tanz bis sich die Bretter biegen
Und die Wogen Wiegen wiegen
Und die Bücher Kinder kriegen…


Hochzeitsblues
von Leben Tod und Liebe
Blues of wings and roots
(Für Barbara und Christoph)

Wings and roots are our goods
Dont forget dont be upset
Always remember even in pain
Something is holding us
Something is warming us
We can not explain
Love only remain

Love is life, life is love
Compare love and death
Love is always above
always above, but never enough
Explore more and more
far as never before
let safe harbour behind
and you loose every thing
body soul even mind
following just your wings
if you forget your root
you arrive nowhere in a sad, bad mood
Amor fati, love your destiny,
Liebe dein Schicksal, es ist kein Scheusal
Wurzel und Flügel ohne Peitsche und Zügel,
sind uns gegeben. Liebe ist Leben Und Leben ist Liebe
Liebe ist stärker als Tod, aber immer bedroht, aber nie genug
Entdecke mehr und mehr, weiter als je zuvor
Neige dich empor, aber behalte deine Wurzeln im Flug

Sadness, bright sadness warm light of hope
Only this eyes are in fire of life, are in fire of love
Stronger than death, love is always above, we dont need dope
Pain, nightmare of hopelesness, beautiful burnout, stress
When wings are growing and you dance without shoes
The marriage-blues of life death and love
Always above, stronger than death
The marriage blues of life death and love

Wings and roots are our goods
Dont forget dont be upset
Always remember even in pain
Something is holding us
Something is warming us
Something is bluesing us,
We can not explain
Lonely Love only remain
At the end of all, which is just the begin
Of new love and sin
In our eternal fall


Polaritätenkreis

Zu Armen die Reichen
Zu Reichen die Armen
Zu Alten die Kinder
Zu Kindern die Alten
Zum Hochmut Erbarmen
Zu Lebenden Leichen
Zu Heißen die Kalten
Zu Beschränkten Erfinder
Zu Erfindern ein Sesselkreis von
behinderten Kindern


Laub im Licht

Laub ist wie Trauer
Im Sonnenlicht
Gelb entflammt
Grünes Blatt war es einmal
Wir reiten auf der Zeit
Wie auf dem Rücken
Eines Tieres
Wie auf einer Riesenschildkröte
Die das Meer der Ewigkeit durchpflügt
Durch die Jahreszeiten
Durch die Himmelsräume
Durch die endlosen Weiten
Der Träume, der Fantasie…
Sind zusammen und finden uns nie.
Wie die Blätter
Da auf dem Boden
Jedes für sich allein
Und doch zusammen
Im Sonnenschein


21. Oktober 2011

Nussschale tanz

Die Vergangenheit ist
Immer tot und die Zukunft
Die noch nicht da ist
Ist es auch
Nur die Gegenwart ist
Unser Rettungsboot
Aus Augenblick, Herzschlag
Und Atemhauch

Und so rudern wir
Unsere Lebenszeit
Immer kurz nur
In Lebendigkeit
Die sofort versinkt
In Traum-
Vergangenheit
Lebendig
Hin zum
Zukunftstraum
Auf dem Schaum
der Zeit

Nussschale
Die tanzt
Auf dem Meer
Ewigkeit.