3.1.12

wieder ein paar gedichte


Das positive Trojanische Pferd
Idee für ein Kindertheaterstück über die „Altenpflege“ in Gedichtform

Das ist ein sonderbares Gefährt
Das halb fliegt und halb fährt. Leicht wie ein Luftballon
Ein Kind kann es ziehen und groß ist es, so groß wie ganz Wien
Und selbst wenn der Wind geht fliegt es nicht davon
Es passt in jede Wohnung hinein, was heißt Wohnung, in jeden Kopf
 Steht ganz lieb vor der Tür , macht diskret Klopf, Klopf, Klopf
Wiehert leise, grinst breit mit seinem Pferdegebiss
Schon ist ihm ein „Tritt ein“ und ein Lächeln gewiss.
Dann stehts mitten im Zimmer, wie ein Hund an der Leine
Des Pflegehelfers und der pflegt jetzt nie mehr alleine,
Denn immer ist nun auch das Pferd mit dabei
Daher sind sie von nun an immer drei
Der Pfleger das positive Trojanische Pferd und der Patient
Im Gaul stecken viele, die der Patient noch nicht kennt
Wenn der er Pfleger geht, bleibt das Pferd beim Patienten zu Haus
Und Nachts, wenn dem Patienten fad ist kommen alle heraus:
Ein Cowboy, ein Rapper, der fährt mit Geschepper mit dem
Skateboard übers Krankenbett-Gitter, dann kommt noch ein Clown raus,
Ein Ritter, ein Zwitter, die bauen sich am Nachtkastel ein lustiges Baumhaus
Gegen Sommergewitter. Aber wer glaubt dass das alles war,
Der irrt sich gewaltig, im Pferdebauch rumort es vielgestaltig
Ein Liebespaar promeniert innig umschlungen, ein Bänkelsänger
Hat sich heiser gesungen, ein zufriedener Banker erntet Gestänker,
 Ein Trompeter, ein Geiger, ein zaubernder Schweiger gar
Eine Elfe mit Sternschnuppenhaar, eine Triangel, die mit feinen Glöckchen spielt
Ein Liebesengel der auf „Herzengel“ zielt, ein Geschichtenerzähler, der zuhören muss,
Ein Tröster, ein Kerzelschlucker, ein entlaufener Kuss, ein Dichter, ein Zwetschkenröster, ein Niemalsducker, ein Detektiv, ein Kalif ein, Echo das niemand rief,
Das alles macht unser Pferd so positiv und liebenswert
Und ganz zum Schluss noch, aus dem Hier und Heut
Entsteigt dem Pferdebauch ein Gestalttherapeut mit runden Brillen und langem Bart:
Gestatten, mein Name ist Eigenart, ich bin ein Freund vom Krankenpfleger,
Vom Flausenleger und vom Schorfsteinfeger, kein Hosen, sondern ein Seelenträger
Wenn sie runterrutscht hol ich elastisch, sie gleich wieder hoch,
Das geht ganz fantastisch. Ich komme mit dieser bunten Schar
Zu Ihnen auf Besuch, wo ich noch niemals war, les ihnen vor ein Buch
Ist ihnen fade, servieren wir KasperliadeLimonadeMarmelade und eine poetische Bigrafie
schreiben ein Gedicht und machen die Schublade der Kindheit auf und kitzeln sie im Bade.
Nicht lachen, Lachen ist verboten, im Reich der Kranken, Siechen und Toten, lacht man nie
Nein, eh nicht, war nur ein kleiner Scherz, ein bisschen Aufregung ist ganz gut für`s Herz.
Nein der Hafer hat uns nicht gestochen, sind freiwillig aus dem Pferd gekrochen um ihre Gesundung zu unterstützen – auch wenn uns bisher noch keiner kennt, ich hoffe sehr es wird ihnen nützen.  Wir tun das gerne und kompetent- wir sind pflegeleicht, leben bewusst Diätetisch und sind auch sonst ganz bioethisch, um nicht zu sagen biopsychosozial
trinken Wasser leben brav und normal,  fressen nur ein wenig Soja und Bohnen
–, wir sind das positive Pferd aus Troja und werden nun bei Ihnen wohnen.
Freuen Sie sich schon? Heh, warum laufen Sie davon!



Daheim bin ich dort

Daheim bin ich dort wo ich liebe
Wo ich, wenn man mich vertreibt
Gerne bliebe
Wo mir vor Schmerz beinahe das Herz
Stehen bliebe
Wenn man mich von dem Ort
dort vertriebe
Daheim bin ich dort wo die Triebe…

Bei mir bin
Ich nur bei Dir
Und ich leide
wie ein Tier
ist geschlossen
deine Tür.


18. November 2011

Dichter und Kalafati

Der Dichter liebt aus sich heraus
Er lebt in seinem Schneckenhaus
Aus seinem Dichterschneckenhaus
Liebt er die ganze Welt
Er liebt nicht Dich, er liebt nicht Dich
Er liebt Punkt, Komma, Bindestrich
Anführungs- und Rufzeichen
Strich – Doppelpunkt, etcetera
Und manchmal auch die Klammern
Er liebt geheime Kammern
Er ist ein Wortentketterer
Haucht Leben ein in Leichen
Anstatt sie zu bejammern
Er liebt was ihm gefällt
Und ihn am Leben hält

Der Dichter liebt aus sich heraus
Ihm ist selbst eine graue Maus
Prinzessin, Elfe, Zauberfee
Der Dichter liebt sein eigenes Weh
Macht sich ein Paradies daraus
Von Bildern und Ideen
Von Tränen und Chimären
Er will durchdringen und verstehen
Alles vom Kopf bis zu den Zehen
Sein Leben ist Begehren
Und sich danach sein Leben lang
Von Anfang bis zum Untergang
Vor Liebe sich verzehren

Der Dichter ist ein armes Schwein
Doch das macht ihm rein gar nichts aus
Er liebt sein Leben lang alleine
Im Grunde nur aus sich heraus
Doch lässt er vorher alles ein
In den Palast – sein Dichterhaus

Der Dichter ist ein Alchimist
Und ein Fantast
Macht Gesternpech zu Zukunftsgold
Und Gleichmut zu Verlangen
Aus Alltag macht er Tag im All
Zu Lust macht er die Last
Zum kühnen Flug macht er den Fall
Macht, Schicksal, selbst jüngstes Gericht
Fürchtet die Dichterliebe nicht
Stellt ihr ihn auch am Pranger aus
Der Dichter liebt aus sich heraus
Noch unter Folterzangen
Schreibt er noch ein Gedicht
An Greti und an Pleti
Den Jeti und an Kathi
Und selbst am grauenvollsten Ort
Nimmt man ihm seine Seele fort
Wäre sein allerletztes Wort:
Der Dichter ist ein Kalafati –
Amor fati.


23. November 2011

Gedichtbild

Der erste Raureif liegt auf den Hügeln
Der Wald steht im Nebel mit weißen Flügeln
Wie eine Wolke, auf der Erde gestrandet
Gegen die das graue Himmelsmeer brandet
Der erste Raureif im jungen Winter
Du spürst schon Eis, Nacht und Kälte dahinter
Niemand kann sagen was Morgen ist
Das Hier und Jetzt ist unsere Gnadenfrist.

Kreisler hat uns verlassen…

Kreisler war kein Greissler
Und kein Krämer
Er war ein Geissler der Verhältnisse,
Ein Unbequemer
Kritiker herrschender Unkultur
Er spurte stets neben der Spur

Er war kein Wetterhahn
Er war ein Hahn aus Fleisch und Blut
Sein Kikeriki
War manchmal eitel,
Aber billig nie
Und nicht anbiedernd
War sein Übermut
Scharf wie ein Taschenfeitel

Echt war die Wut und er
Im Unterschied zu anderen,
war kein Staatskünstler
Er war kein „Onliner“
Er war ein „Ohne Leiner“
Ein ganz famoser Maulkorbloser
und kein Schleimer-Reimer
Für die Galerie der Macht, die
auch mal gerne lacht
Wenn über sie wer harmlos
Witzchen macht.
Seine fürchteten sie.

Er war kein Facebooker
Er hatte ein Gesicht
Und auch ein „Gschichteldrucker“
Für Seitenblicke-Gucker
War er nicht

Was war er eigentlich?
Ein Grenzgänger gegen den Strich
Er ging nie auf ihm, er war nicht in
und er war auch nicht cool
er war ein Jude, „Bourgoisanarchist“
Ausländerin und schwul
War penetrant und arrogant und genial
Und wenn er sang brannte er lichterloh
Wie ein Fanal gegen die Mordsdummheit
In unserem Jammertal, wenn er trompetete
Stürzten die Mauern ein um Jericho
Auf Erden wurde es ihm zu dumm,
hat selbst sich abgeschoben
Fühlt oben, ohne Publikum,
sich besser aufgehoben
Verständlich, denn wo er jetzt ist
Ist er nicht mehr alleine
Arbeitet dort als Librettist
Für Tucholsky, Brecht und Heine

Zum Abschied sagte er uns schlicht:
Welt, Leut, es ist vollbracht
Dann schrieb er schnell noch ein Gedicht
Wie blöd die Sonne lacht
Jetzt tanzt er mit den alten Tanten
Mit seinen Freunden und Bekannten
Den ewigen Tango in der Nacht
Lächelt blasiert herunter:

„Macht euch jetzt selber munter!“
Entwickelt selber Fantasie
Ihr Untertanenherdenvieh
Finanzkrise und Schuldenbremse
Und globalisierte Flach-Lachindustrie
Rutscht mir den Buckel runter!


27. November 2011

Vickal Hiasch

Trauriga,
schmoipickta Bua
mit de großn Augn
S`Gegenteil von mia
Jetzt hean da plötzlich olle zua
Jetzt wosd ogstuabn bist
Stehst in da Bliah
Und se kennan dia des Moach
Aus de Bana saugn

Hiasch,
jetzt hängans dei Gweih
in de Wiatsheisa
nebn de Damenheisltia
und spüln di auffe und oba
im ORF, Ö-ans und Ö-drei

Trauriga Bua
Jetzt host ausgspült
In da Saundkistn
Der kollektiven Verdrängung
Jetzt wird da ollas vaziehn
Und vagebn
Jetzt wirst zum Pavarotti
Der Kretins der Beengung
Und kriagst a Eahngrob
am Zenträu
und olle lossn di hoch leben!

Oisa Doda mochns in Heinz Conrads
Ausm Georg Danza
Und aus dir in Mario Lanza
Fir de Meschuggenen
Und Ollas is eich auf amoi vaziehn!

De Omama min Hitlerbüdl
Da Kindaschändapapa von da
Nochbarstiagn –
Oba in Wirklichkeit
Kennans di net kriagn
Wäu im Gegnsotz zu dia
Kennan de net fliagn

Trauriga, schmoipckta Bua
Hiasch mitn traurign Gweih
Fliagst durchn Woiknwoid
Stoiz, schee und frei
 und nix, nix is vuabei!


28. November 2011

Alt sein

Alt sein, keine Angst mehr haben
Etwas zu versäumen
Gut zu Hause sein in seinen Träumen
Offen halten Türen und Fenster

Und die Ernte seines Lebens teilen
Mit den anderen und dem Wind
An den Tisch einladen die Gespenster -
Enttäuschungen, Kränkungen, Ängste, Verluste…-
Mit ihnen ehrlich reden über das Verdrängte, Unbewusste
Wie ein altes, weises Kind

Alt sein heißt: Noch immer alles Leben,
Aushalten die Endlichkeit, das Jetzt genießen,
Dass uns die Sonne lacht, dass Blumen sprießen
Alt sein heißt wissend verzeihen und vergeben
Und fast ohne Bitterkeit mit unserer Welt
Zum Meer der Ewigkeit zu fließen
Abschiedlich leben
Alt sein, heißt immer mehr abgetrieben
Vom Quell zur Mündung hin dem Strom sich überlassen
Alt sein, heißt nach den Sternen wie in Erde fassen
Noch immer leben, noch immer lieben
Ziel – unerreicht, im großen Ungefähr
Alt sein ist leicht, ist man noch jung geblieben…
Aber alt werden…

Alt werden ist schwer!

14.11.11

TangoTexte


Inspiriert durch Peter Kantors Tanzkurs im CentrOnze, September/Oktober 2011

21. September 2011

CENTRONZE
Tango Latino-Europa.

Septembertango

Es war an einem Montag, im September, auf der Straße
An einem grauen Montag im September auf der Straße
Da sah er sie, sie war so schön, mit Tränen in den Augen
stolz vorübergehen

Nun, dreißig Jahre später blickt er wieder in ihr Fenster
Sie tanzt mit einem anderen, er steht draußen unterm Fenster
Was ist geschehen, wer kann verstehen, er sieht sie immer noch
An ihm vorübergehn

Wie damals an dem Montag, im September, auf der Straße
Das Glück war damals jung und nahm die selbe Straße
Er sprach sie an und es begann, er weiß bis heute nicht weshalb
Es dann zerrann

Heut tanzt nur die Erinnerung einen Tango der Gespenster
Nur der Septembermond so bleich wie damals glänzt er
Ertanzt allein, für sich allein, seinen Septembertango
In den Fluss hinein

Es war an einem Montag, im September, auf der Straße
An einem grauen Montag im September auf der Straße
Da sah er sie, sie war so schön, mit Tränen in den Augen
Blieb sie bei ihm stehen



Milonga im Tacheless

Bin ich weg vom Fenster bin ich nicht mehr da
Sehe ich Gespenster die ich noch nie sah
Gehe ich in Räume die ich nie betrat
Träume neue Träume um die ich nicht bat
Tue was ich nie tat

Ich bin schon so lange da, obwohl es mir so kurz erscheint
Obwohl das was ich heute sehe ich noch niemals vorher sah
Ich bin nicht mehr wer ich bin, ich bin nur der der ich werde
Jeder Atemzug ist wie ein Neubeginn endlich Mensch zu sein
auf dieser Erde

Bin ich schon bald sechzig wieder Großpapa
Nach der Liebe ächze ich doch die ist nicht da
Wo ist sie verborgen tief in mir versteckt
Fühle ich, schon morgen wird sie neu erweckt

Ich bin ein Mensch, nur ein Mensch im Sprudel der Jahre
Der wie ein Korken tanzt einmal unten einmal oben
Angestrandet sitze ich heute vor dem Meer der Zeit
In der lauen Herbstnacht vor der Tacheless-Bar
Zur Ewigkeit.

 Sommer schon im Gehen, Koffer schon gepackt
Wer kann das verstehen Herz schlägt noch im Takt
Bin unsterblich jung, wie geboren erst
Als ob Dämmerung du mein Morgen wärst
Sanft durchs Haar mir fährst

Kann es nicht glauben, dass der Winter vor der Tür steht
Werde es nicht erlauben, dass das alles zu Ende geht
Stemme ich mich auch vergeblich Zeit und Tod entgegen
Vor dem Tachless sitz ich trinke Wein und weiß auf einmal
Ich bin ich und lebe meinetwegen

Und auch für die anderen, meinetwegen

Ich bin schon so lange da, obwohl es mir so kurz erscheint
Obwohl das was ich heute sehe ich noch niemals vorher sah
Ich bin nicht mehr wer ich bin, ich bin nur der der ich werde
Jeder Atemzug ist wie ein Neubeginn endlich Mensch zu sein
auf dieser Erde



Herbstbücherflohmarkt-Tango

Werden Spatzen plötzlich Raben
Bäume drohende Skelette
Und die Träume die wir haben
Liegen an des Frostes Kette
Und die Seele treibt im Nebel
Die Ideen sind stumpfe Lanzen
In der Kehle steckt ein Knebel…

Dann geh auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen!

Wenn die Knochen dir vereisen
Herbstreif sich auf deinen Geist legt
Sonnentage kalt entgleisen
Und das Herz nicht mehr im Takt schlägt
Sitzt du trüb im kühlen Zimmer
Willst nicht mehr herumstrawanzen
Wird der Herbstblues immer schlimmer…

Dann geh auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen

Schleppst du müde dich im Dunkeln
Ohne Lust zur Arbeitsstätte
Siehst du keinen Stern mehr funkeln
Langweilst dich im Lotterbette
Hast dem Nächsten nichts zu sagen
Willst dich in dir selbst verschanzen
Bist es leid die Welt zu tragen…

Dann geh auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen

Kommst du nicht mehr hoch vom Hocker
Zählst die Regen hinterm Fenster
Ist die Seele nicht mehr locker
Draußen nur mehr Herbstgespenster
Bist du im Detail verloren
Siehst nicht mehr den Sinn des Ganzen
Dann geh einfach unverfroren…

Auf den Bücherflohmarkt
mit den Büchern Tango tanzen

Und du bist wie neugeboren!
(jedenfalls nicht mehr verloren)

Guillermo di Ulme
Psychoterra- und GestalTango-Poet


Tango morbido

Ich tanze so gern Tango,
doch ich habe keine Dame
dafür nur einen Hund, der Tango heißt
ein schöner Name
Deshalb borge ich mir jedes Mal zum Tanzen eine aus
Und wenn sie nicht gut tanzen kann,
kommt sie nicht mehr nach Haus

Dann fahr ich sie zum Donaustrand
Charmant und wild, verwegen
An einen stillen Platz der unbekannt ist
und entlegen
Dort kann ich elegant die Hand um ihre Taille legen
Und mich mit ihr zum Uferrand im Tangoschritt bewegen

Und steigt sie mir auch auf die Zehen
und kommt auch aus dem Takt sie
ich pack sie, als wäre nichts geschehen,
das packt mich und ich pack sie
den Rest kann nur der Mond mehr sehen –
den Wagen und sie untergehen – ich fahr zurück im Taxi

Doch vorher tanz ich Tango noch
Perfekt, doch ganz alleine
Das Wasser tanzt, der Auwald tanzt,
der Mond, die Ufersteine
und ich, ich tanze sowieso – man wird auch ohne Dame froh
kriegt besser hin Crusade, Ocho
man ist famos die Sorgen los und Troubles hat man keine

Zu Hause wartet schon mein Hund, sie wissen, er heißt Tango
Er wedelt still, macht was ich will, nur tanzt er keinen Tango
Zum Frühstück esse ich gesund Milchshake und eine Mango
Dann geh ich ganz allein zu Bett und denke es wär doch ganz nett
Für einen echten Mann, wenn er so dann und wann
Mal eine richtige Dame hätt, die Tango tanzen kann

Es soll im richtigen Leben, ja durchaus welche geben
Und wenn sie nicht gestorben sind, wer weiß, ich mal die richtige find…
Es könnte sich ergeben, denn,

Ich tanze so gern Tango,
doch ich habe keine Dame
dafür nur einen Hund, der Tango heißt ein schöner Name
Deshalb borge ich mir jedes Mal zum Tanzen eine aus
Und wenn sie nicht gut tanzen kann,
kommt sie nicht mehr nach Haus…

Zu Allerseelen fahr ich Jahr für Jahr zur Donau raus
Nach Albern zu den Namenlosen, von Blumen einen Strauß
im Nebel graue Wellen tanzen, werfe ich hinterher
sollen tragen ihn zu den Emanzen, die alle so schlecht Tango tanzen
jetzt im schwarzen Meer – will ihnen durch die Blume sagen:
Ich bitte um Vergebung, doch es war nicht zu ertragen
es fiel mir wirklich schwer, doch ich liebe Tangotanzen viel zu sehr


Bücher-Tango
bis die Wogen Wiegen wiegen

Wenn die Bücher Tango tanzen
Mischen sich frivol die Seiten
Und so manche Diskrepanzen
Lösen sich im trauten Gleiten

Bild von liebeskranken Pfauen
Die im Takt herumstolzieren
Tief sich in die Seelen schauen
Sich drin finden und verlieren

Politik mit Belletristik
Lyrik mit der Mathematik
Tanzt voll Anmut und Artistik
spannungsvoll bewegte Statik

Deckel an Deckel, gerade Rücken
Halten sie sich in Balance
Fest sich aneinanderdrücke
Gleiten hin voll Elegance

Halb versinken und halb schweben
Schwer und doch voll Leichtigkeit
Halb ersterbend, doppelt leben
Einsam voller Zweisamkeit

Liebesromanes,Storchenbeine
Schlingen sich um Ethik – Bibel
Zwei Figuren werden eine
Tangotanzen ist nicht ibel

Pornografen, Katholiken
Alle tuns, mehr oder minder
Manchmal tanzen sie zusammen
Und dann gibt’s im Frühling Kinder

Tangotanzen ist gefährlich
Leidenschaftlich wiegen Wogen
Aber seien wir mal ehrlich
Tangotanzen, ungelogen
Ist im Grunde unentbehrlich
Soll die Menschheit nicht versiegen
Und in Müdigkeit ermatten
Tango regt an zum Begatten-
Tanz bis sich die Bretter biegen
Und die Wogen Wiegen wiegen
Und die Bücher Kinder kriegen…


Hochzeitsblues
von Leben Tod und Liebe
Blues of wings and roots
(Für Barbara und Christoph)

Wings and roots are our goods
Dont forget dont be upset
Always remember even in pain
Something is holding us
Something is warming us
We can not explain
Love only remain

Love is life, life is love
Compare love and death
Love is always above
always above, but never enough
Explore more and more
far as never before
let safe harbour behind
and you loose every thing
body soul even mind
following just your wings
if you forget your root
you arrive nowhere in a sad, bad mood
Amor fati, love your destiny,
Liebe dein Schicksal, es ist kein Scheusal
Wurzel und Flügel ohne Peitsche und Zügel,
sind uns gegeben. Liebe ist Leben Und Leben ist Liebe
Liebe ist stärker als Tod, aber immer bedroht, aber nie genug
Entdecke mehr und mehr, weiter als je zuvor
Neige dich empor, aber behalte deine Wurzeln im Flug

Sadness, bright sadness warm light of hope
Only this eyes are in fire of life, are in fire of love
Stronger than death, love is always above, we dont need dope
Pain, nightmare of hopelesness, beautiful burnout, stress
When wings are growing and you dance without shoes
The marriage-blues of life death and love
Always above, stronger than death
The marriage blues of life death and love

Wings and roots are our goods
Dont forget dont be upset
Always remember even in pain
Something is holding us
Something is warming us
Something is bluesing us,
We can not explain
Lonely Love only remain
At the end of all, which is just the begin
Of new love and sin
In our eternal fall


Polaritätenkreis

Zu Armen die Reichen
Zu Reichen die Armen
Zu Alten die Kinder
Zu Kindern die Alten
Zum Hochmut Erbarmen
Zu Lebenden Leichen
Zu Heißen die Kalten
Zu Beschränkten Erfinder
Zu Erfindern ein Sesselkreis von
behinderten Kindern


Laub im Licht

Laub ist wie Trauer
Im Sonnenlicht
Gelb entflammt
Grünes Blatt war es einmal
Wir reiten auf der Zeit
Wie auf dem Rücken
Eines Tieres
Wie auf einer Riesenschildkröte
Die das Meer der Ewigkeit durchpflügt
Durch die Jahreszeiten
Durch die Himmelsräume
Durch die endlosen Weiten
Der Träume, der Fantasie…
Sind zusammen und finden uns nie.
Wie die Blätter
Da auf dem Boden
Jedes für sich allein
Und doch zusammen
Im Sonnenschein


21. Oktober 2011

Nussschale tanz

Die Vergangenheit ist
Immer tot und die Zukunft
Die noch nicht da ist
Ist es auch
Nur die Gegenwart ist
Unser Rettungsboot
Aus Augenblick, Herzschlag
Und Atemhauch

Und so rudern wir
Unsere Lebenszeit
Immer kurz nur
In Lebendigkeit
Die sofort versinkt
In Traum-
Vergangenheit
Lebendig
Hin zum
Zukunftstraum
Auf dem Schaum
der Zeit

Nussschale
Die tanzt
Auf dem Meer
Ewigkeit.

13.9.11

Gedichte aus der letzten Zeit

Neurosenkranz
Exerzitien, mit denen sich zentraleuropäische PsychotherapeutInnen
den Verlust der Triebe erklären

Nimm dir den Mut
Du lebst ja gut
Hast Essen genug
Und Wasser im Krug
Keine Bomben am Dach
Nachts bist du nicht wach
Keine Folter, kein Krieg
Dir gilt kein Schuss
Und auch sonst kaum Verdruss
Im Gegenteil, du lebst im Überfluss,
also…
(und wieder von vorne)

Song vom "Waren" Hintergrund
der „Griechenlandkrise“

Nach dem Kälbermarsch von Brecht/Eissler,
nach dem Horst Wessel-Lied

Europas Stier steht auf verbrannter Erde
Das arme Tier weiß nicht mehr aus noch ein
Die Hirten der EU verraten ihre Herde
Sie ließen Wölfe in den Pferch hinein

Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber

Die Zinsen hoch, die Ratingagenturen
Treiben die Staaten so in den Ruin
Globales Laufhaus wolln sie statt lokaler Huren
Die sollen, ausrangiert, von selbst ins Schlachthaus ziehn

Hinter der Fahne her
Trotten die Kälber
Das Fell für den Metzger
Liefern sie selber

Hitler wollt einst Europa ganz bezwingen
Es bringen unter seinen Eisenhut
Das war zu plump und konnte damals nicht gelingen
Die Lektion lernte die Wirtschaft gut

Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber

Europa ist ein fader Fahnenfetzen
Subtil beherrscht von Wirtschaftsdiktatur
Menschen die wieder einmal gegen Menschen hetzen
Folgen Politikern, die folgen Wirtschaft nur

Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber

Die Grenzen hoch, die Gatter fest geschlossen
Feiert Europa Nazi-onale Wiederkehr
Es werden Schimpf und Hasskanonen abgeschossen
Und bei Bedarf auch noch ein bisschen mehr

Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber

Und vor Europas Urlaubsparadiesen
Ersaufen Flüchtlinge im blauen Mittelmeer
Und unsere Presse faselt was von Wirtschaftskrisen
Und dabei wachsen die Gewinne mehr und mehr

Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber

Europa als Garant hätten wir gerne
Von Frieden, Wohlstand und Demokratie
doch leider bleiben diese nur entfernte Sterne
Greifen die Menschen nach den Sternen nie

Hinter dem Euro her
Trotten die Kälber
Die Zinsen fürs Schlachten
Bezahlen sie selber

Doch wissen selbst die alten Pharaonen
Machtpyramiden stürzen manchmal ein
Wenn Menschen aufstehn und die Mächtigen entthronen
Wird einmal Schluss mit aller Herrschaft sein

Facebook und Twitter her
Es befrein sich die Kälber
Und leben ihr Leben
Zum erstenmal selber
Dann gute Nacht, Eliten, Oligarchen
Umwelt- und Menschenkiller gute Nacht
Das ist das Ende der brutalen Patriarchen
Wenn sich das Kalb zum eigenen Hirten macht

Dann trottet keiner mehr
Hinter dem andern
Wenn miteinander wir
Gleich-Freie wandern

Glückliche Liebe gibt es nicht
Nachdichtung nach einem Gedicht von Louis Aragon,
Musik von George Brassens

Nichts ist dem Menschen sicher, seine Kraft nicht
Noch seine Schwäche noch sein Herz und wenn er meint
Die Arme auszubreiten ein Kreuz sein Schatten scheint
Und er zermalmt sein Glück wenn er’s zu halten meint
Sein Leben seltsam leidvoll wie eine Eh zerbricht

Glückliche Liebe gibt es nicht

Sein Leben ist wie diese Soldaten ohne Wehr
Die man gekleidet hat für anderen Lebenslauf
Was nützt es ihnen stehen sie am Morgen auf
Sie die man abends findet verunsichert zu Hauf
Sagt dieses Wort Mein Leben weint keine Tränen mehr

Glückliche Liebe gibt es nicht

Mein schönes Lieb mein teures Lieb mein tiefer Riss
Ich trag dich wie ein Vöglein dem ein Leids geschehen
Und diese Ahnungslosen sehen uns vorüber gehen
Murmeln mir hinterher Worte die mir entstehen
Und die in deinen Augen sterben in Finsternis

Glückliche Liebe gibt es nicht

Die Zeit leben zu lernen zu spät sie reicht uns nie
Was weinen unsere Herzen des Nachts im selben Ton
Wie viel braucht es an Unglück für das kleinste Chanson
Wie viel Bedauern braucht ein Erschauern doch als Lohn
Und wie viel Schluchzen die Gitarrenmelodie

Glückliche Liebe gibt es nicht

14. Juli 2011

Ich komme an (J`arrive)
Jaques Brel

Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Unsere Freundschaften vagieren
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Will Tod die Lieben „schaffotieren“
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Uns andere Blumen blass begegnen
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Weinen die Männer Frauen regnen

Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätt ich meine Knochen noch einmal geschleppt
Bis zu der Sonne, bis zum Sommer, bis zum Frühling, ach, bis Morgen hin
Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätt ich noch einmal gesehen ob der Fluss noch Fluss ist
Und der Hafen Hafen und ich mittendrin
Ich komme an, ich komme an
Warum grad ich, warum grad jetzt
Warum so schnell und wohin gehen
Ich komme an, natürlich komme ich an
Ich hab in meinem ganzen Leben niemals etwas anderes getan

Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Und jedes Mal etwas „alleiner“
Von Chrysanthemen zu Chrysanthemen
Mein Guthaben wird immer kleiner

Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätte ich noch einmal genommen Liebe wie man nimmt den Zug,
um nicht allein, woanders und gut drauf zu sein
Ich komme an, ich komme an
Wie gerne hätt ich noch einmal mit Sternen einen Zitterleib gefüllt
und wär im Liebesbrand gestorben dann als Aschenherz
Ich komme an, ich komme an
Das bist nicht du, der zu früh dran ist
Das bin schon ich, bin bereits zu spät dran
Ich komme an, natürlich komm ich an
Hab ich denn je in meinem Leben etwas anderes getan?


Im Hafen von Amsterdam

Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die singen
Träume, die sie verschlingen
Schon weit vor Amsterdam
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die schnarchen
Fahnengold von Monarchen
Im Bett trostloser Strände
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die sterben
voll von Bier und von Dramen
in des Morgenlichts Scherben
Aber im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Mütter die gebären
In Bruthitze, Matrosen
Voller Sehnsücht nach Meeren

Im Hafen von Amsterdam
Lassen Matrosen sichs schmecken
Auf zu weißen Gedecken
Fische, glitzernd und nass
Sie zeigen euch Zähne
um das Glück zu zerbeißen
Sichel vom Mond zu reißen
Schlucken, Tauwerk und Kähne
Und das riecht nach frischem Fisch
Bis ins Fettherz der Fritten
die sie großprankig bitten
„Kommt noch mehr auf den Tisch“
Und dann stehn sie lachend auf
Als ob Sturmwinde tosen
Knöpfen zu ihre Hosen
Und gehen rülpsend hinaus
Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die tanzen
Reiben sich ihren Ranzen
An den Ranzen der Frauen
Und sie drehn sich und sie tanzen
Wie Sonnen, ausgespuckt
In einem Ton der verzuckt
Aus einer Quetsche voll Wanzen
Sie verdrehn das Genick
Eigenes Lachen belauscht
Bis zu dem Augenblick
Wo das Akkordeon verrauscht
Und dann mit Geste voll Würde
Und mit stolzem Gesicht
Tragen sie ihre Bürde
Hinaus ins grelle Licht

Im Hafen von Amsterdam
Gibt’s Matrosen die trinken
Und die trinken und trinken
Und trinken noch einmal
Sie trinken auf das Wohl
Der Huren von Amsterdam
Von Hamburg oder sonst wo
Jedenfalls aufs Wohl der Damen
Die ihnen ihren hübschen Leib schenken
Ihre Unschuld dazu
Für ein Stückchen Gold
Und sind sie dann so richtig „zu“
Nase in Himmel und Wind
Schnäuzen sie sich in Sterne
Und pissen wie ich weine
Auf die Frauen die untreu sind

Im Hafen von Amsterdam
Im Hafen von Amsterdam

24. 7. 11

Nach dem Terroranschlag in Norwegen

Klärung der Schuldfrage

Der Himmel gehört auch den Mördern und Verrückten
Der Goldmond und das Geschmeide der Sterne
Ist der Reichtum der Unterdrücker und der Unterdrückten
Alle haben den Himmel gerne

Am gleichen Tag

Woran starb Amy Winehouse
Ganz allein zu Haus?
Warum war ich nicht da
Um ihre Hand zu halten
Wo waren ihre Freunde
Wo waren ihre Alten
Wer ist schuld an dem
Was mit ihr geschah?
Der schnelle Ruhm, die Musikkonzerne
Die Familie?
Es tötet die Gleichgültigkeit
Dieser verlogenen Zeit
Es töten die beschissenen Computerspiele
Mit ihren Menschenzielen
In dieser beschissenen Zeit
Wo sich niemand mehr verstecken kann
Wo man öffentlich verrecken kann
Geht uns alle alles an

Fellner ist schuld
Und der Kellner ist schuld
Der den Whisky ausschenkt
Und der Drogenhändler
Aber auch der Trafikant
Der die Krebszigaretten verkauft
Und der Arbeiter in der Pistolenfabrik
Und der Priester der Kanonen segnet
Und Soldatenmörder tauft
Und der Sozialdemokratische Funktionär
Der sich zu gut ist, um mit den jungen Neonazis zu reden
Zu streiten und wenn nötig zu raufen
Die Jasager und Runterschlucker und nach unten Treter
Und nach oben Ducker sind schuld
Und die verfluchte Geduld

22. August 2011

Du bist nicht allein

Glücklicher Tag
Sommerleicht vor dem Herbst
Glücklicher Abend
Trotz vorgerückten Alters
Weißer Schmetterling, taumel
Grüne Gräser streckt euch
Wolkenloser, blauer Himmel
Schwebe, Sonne liebkose
Wasser umschmeichle mich
Leichter, spätsommerlicher Trost
Flüster mir zu:
Du bist nicht allein

Nackt und schön

Wie schön es ist
Nackt zu sein
Alles Nackte ist schön
In der Natur
Alles nackte, Lebendige,
Schamlose
Jede Form, jedes
Alter, versehrt und
Unversehrt – alles was
Augen hat und eine
Seele, ist schön
Und leicht und jung
Ist verwoben mit der
Welt, tanzt
Spielt und tönt
Mit.

14. August 2011

Dünnhäutig

Ich bin dünnhäutig
Geworden wie eine löchrige
Trommelsonne aus dem Norden
Wie ein durchschossener
Blechkrug, wie die
Entzündete Krötenhaut
Unserer Demokratien.
Durchscheinend, aufbrausend
Wie eine aufgescheuchte
Amselkolonie bei Winter-
Einbruch, wie das Unterhemd
Einer Vogelscheuche
Wie die Herzscheidewand
Eines Konsumdopingsünders
Unserer Breite.

Lybischer Spätsommer

Schreie und Explosionen
In der heißen Wiener Afrikaluft
Die letzten Stunden des
Diktators, Brandgeruch,
Phosphor – Lachen und
Krachen, Jubel und Schluchzen
Tod und Geburt
All das in den Strahlen
Der wunderbaren, sinkenden
Sonne, in ihrem kosenden
Streicheln, im heißen
Föhnhauch des verklingenden
Tages. Mögliche
Freiheit über den
Wüstengräbern ist bis hierher
Zu erahnen und auch schon
Der nächste Verrat.

Grausam unbeteiligt und
Ungerührt dreht sich das
Vielzitierte Rad der
Geschichte – Knochenmühle
Im Takt der Börsenstatistiken
Und des Auf und Ab der Ölförderanlagen.
Der Peak-point der
Unmenschlichkeit ist
Schon lange überschritten
Bloß, wer hats gemerkt?

Die Menschheit
dürstet nach friedlicher
und lebbarer Zukunft.
Tunesisch-Ägyptischer Frühling
Lybischer Sommer
Wann kommt der syrische Herbst
Und wann endlich
Der letzte Winter der
Oligarchien?

Für Helmut Schüller
Und die Pfarrerinitiative


Es ist Platz
Genug auf dieser Erde,
dass ein jedes, wie
es ihm beliebt, hier
glücklich werde.
Dieser Himmel ist so
Riesengroß, dass er
Alle zudeckt, die da
Nackt und bloß
Seine Farben sind so
Wunderbar, dass man nicht
Bemerkt wer von uns
Farblos war.
Seine Vögel
haben so viele Schwingen
sie zu zahlen wird uns
nie gelingen,
dass sie fröhlich
miteinander fliegen
zählt, nicht zu wissen, wem
ein Flügel fehlt.
Dass wir miteinander
Gehen, hören, fühlen,
sehen, dass wir
unsere Herzen schlagen
spüren und dass
unsere Hände sich berühren,
dass wir wissen –
jeder ist was wert
ob er jetzt versehrt ist
oder unversehrt
Niemand kann
Die Welt besitzen
Wenn er sie nicht
Mit den anderen teilt
Siehst am Abendhimmel
Du ein Sternlein blitzen,
Tag enteilt
Torkeln Fledermäuse durch
Die Dämmerung in buntem Tanz
fühlst du, dass du
da bist, voll und
auf dem Rücken liegend,
ganz
dass du eins bist mit
den Elementen und dem
All
Liegst im Sommergras,
das riecht nach Leben
und Verfall
und riechst das Leben
im Verfall.

Das falsche Pferd

Ich habe immer aufs
Falsche Pferd gesetzt:
Aufs Seepferd.

24. August 2011

Widerliche Zeitgenossen

In Washington war ein
Erdbeben. Ja, derfs denn
das?
Im Morgenjournal: Mord- und
Argumentationsnotstand.
Ein österreichischer Fondsmanager
Wird interviewt bezüglich der
Situation in Lybien.
Lange Zeit Gadaffi hofiert
Jetzt haben Firmen Glaubwürdig-
keitsprobleme, aber das
Stört sie nicht wirklich.
Sie sind schon wieder
Dran am Geschäft, wie
die Laus im Pelz.
ÖMV, Eni etc.
400 Milliarden Barrel
Ölreserven für Europa.
Das zählt. Nicht
Die Kinder in Somalia
Nicht die Unterdrückten
In Syrien.
Gadaffis Erbe ist
Schon aufgeteilt und
Bilanziert.
Die Haut des Bären…

Widerliche Zeitgenossen,
das.

28. August 2011

Sonntag. Ersteinsatz bei einer Neunundneunzigjährigen.
Ich läute, die Schwiegertochter öffnet.
Der Tod war vor mir da. Sie ist gestern verstorben.

29. August 2011

Der Ostbahnkurti
im Prater, 2011,
des war für mi
wie am Tahirplatz
in Ägypten, aber
kana hats no gwusst
de Leit warn voll
begeistert
haben gspiart was da
passiert is echt
tiaf drinnen in der Brust
warn alle griahrt
und des Gespenst
vom Lichtermeer
von Demokratie
und Menschenrecht
und no vül mehr
is umanaundageistert

Die Amy Winehouse
Könnt no leben
Die Arme täterts heit no geben
Hätt sie an Kurti ghabt wia di


Ewiger Zweiter

Das Leben ist schmutzig
Das Leben stinkt
Wenn es trutzig
Vorüber hinkt

Das Leben ist Frohsinn
Das Leben ist schön
Das Leben ist unwissenschaftlich
Und hat keinen Sinn
Das Leben ist Gestöhn

Es ist weil es ist
Und es reimt sich meistens nicht
Es hört auf und geht
Trotzdem weiter
Das Leben ist ein ewiges Gedicht
Das sich stets neu schreibt
Du bist sein Begleiter
Und ewiger Zweiter
Weil dir nichts anderes
übrig bleibt

Mal sehen ob es klappt

hatte mein Passwort vergessen, konnte meinen Blog nicht bedienen. Jetzt hab ich ein neues Passwort und hab mir vorgenommen wieder öfter "laut zu denken". Mal sehen ob es klappt.

9.8.11

Die Edition Sonnberg freut sich

Die Edition Sonnberg freut sich, dass Willi Stelzhammer wieder auf dem Blog laut gedacht publizieren möchte.

20.9.06

Wahlloses

Liebe LeserInnen!
Habe schon lange nichts mehr gebloggt. Hatte einfach keine Zeit und keinen Bock vor lauter grausigem Wahl-Bla-bla, Bawag-, Kampusch-, Pflegenotstands- Aufgeregtheiten. Österreich hat mir die Red verschlagen, also habe ich Österreich aufgeschlagen und von nun an musste ich nicht mehr selber denken. Österreich und die ganze Welt in schnuckeligen Appetithäppchen abgepackt plus Hochglanzsociety-Studentenfutter. Ich war überwältigt und sprachlos, stopfte News, Standard, Sonntagspresse, Kurier, Kronenzeitung heißhungrig in mich hinein, auf der Suche nach einem authentischen Halbsatz, was sage ich - einem stimulierenden Stichwort, Beistrich, zumindestens Fragezeichen. Das Wunder hat sich nicht ereignet, also verfolgte ich, medial überfressen und doch ungesättigt, die aufregenden intellektuellen Thurner-Übungen der Wahlkonfrontationen im ORF, wo ich außer dem Parfum von Scheiße durch die Verdoppelung xenophober Scheußlichkeiten aus dem Großmaul der HaiderKlone und klischeehaften Phrasen der Großparteien, nur einen sympathischen, weil ehrlich wirkenden grünen Großvater entdecken konnte, der unbedingt Dritter werden und mitregieren will. Gähn.Und täglich grüßt das Murmeltier. Also poste ich vorerst nur ein altes Gedichtchen von Anfang Juni, das vor 10 Jahren schon mindestens ebenso aktuell war wie heute. Das Datum ist zwar so abgelaufen wie sämtliche Wahlversprechungen, aber was solls - Die Lügen werden ja auch gefressen. Guten Appetit!

5. Juni 2006-06-05

In der Endlosschleife
mangels demokratischer Reife


Wähler was bist du. Ein aufgeblasener Sack
Ein Spielball für politisches Lumpenpack
Der sprichwörtliche kleine Mann
Den man mit heißer Luft aufblasen kann
Bis er sich groß wähnt, mächtig und umschwärmt,
Der sich an Illusion und Lüge wärmt
Und der, was man ihm vorsetzt, folgsam frisst
Der alles glaubt und dann sogleich vergisst
Der wie ein Luftballon an dünnem Band
Hängt, ausgeliefert an der Kandidatenhand.
Mal rot, mal blau, orange, grün, was auch immer
Einfältig, eingefärbt und ohne Schimmer
Von dem was wirklich rund um ihn passiert
Weil ihn die Oberfläche nur interessiert
Das lauteste, bunteste, gewaltigste Spektakel
Politischer Feuerschlucker protzigstes Orakel.

Weil er genussvoll alles was ihn ablenkt frisst
Und dabei seine Mickrigkeit vergisst
Sein Duckertum, seine Geduld sein braves Folgsamsein
Seine Mitläuferschuld, dass er ein armes Schwein
Ist, in einer Welt aus Mist.
Dass er nach unten tritt, wenn er nach oben duckt
Dass er den Schwächeren auf die Köpfe spuckt
Wie gern er, der doch nichts zu melden hat
Den Mächtigen dient und herrscht an ihrer statt
In Uniform, zivil, im Rang ein Glied
Ein Hierarchiensprösschenuntertan
Seit ewig tönt das ewig gleiche Lied,
Trägt er der Mächtigen Joch und Schwert und Fahn`
Merzt er den Gegner aus und wenns der Bruder ist
Weil er verblendet Seel und Hirn vergisst.

So funktioniert auch jetzt Demokratie
Das Volk herrscht nicht, ist Stimm- und Stimmungsvieh
Zur Wahl stehen nur die Hirten und die Führer,
Herausgeputzte, laute Trommelrührer
Schaumschläger, Schmalzverkäufer, Suderanten,
Kurpfuscher, Bader, Lügenlieferanten
Falschmünzer, Trickbetrüger, Halsabschneider,
Möchtegernkaiserns „neue Kleider – Schneider“,
Die, wenn man sie am Kragen packt
Und in den nichtvorhandenen Kleidern schüttelt
Und prüft, auf Nieren und Gewissen
Zugeben müssen: Wir sind nackt!
Wir haben aus- gedient, geherrscht, gebüttelt!

Doch leider tut das niemand, ganz im Gegenteil
Die Eingeseiften hierzuland halten Maulaffen feil
Die Nasgeführten gehen zu Modeschauen
Und werfen Seitenblicke voller Schafsvertrauen
Auf ihre Leithammeln und Lügenbarden
Verschenken an jene die sie ins Verderben
Lenken, Milliarden und ernten nur die Scherben

Landeshauptleute, Finanzminister, Bankdirektoren
Die Verbrechermeute bleibt ganz ungeschoren
Und die Demokratie ganz ungeboren
Und die nächste Wahl, welch Infamie
geht höchstwahrscheinlich auch verloren
für die Menschlichkeit
Die Menschheit ist noch nicht soweit
Der Demokratie fehlt noch die Reife
Die Katze beisst sich wieder in den Schwanz
Und es beginnt der selbe Affentanz,
Dieselbe Endlosschleife:

Wähler was bist du
Ein aufgeblasener Sack
Ein Spielball für politisches
Lumpenpack
Der sprichwörtliche kleine Mann
Den man mit heisser Luft
Aufblasen kann …

3.7.06

Blop so!

Willi Stelzhammer / Venedig in Simmering
Gedichte und Lieder / edition sonnberg


Buchpräsentation und Lesung als poetischer Krimi

Was macht „Venedig in Simmering“ in Döbling?

Auf den ersten Blick könnte man denken man/frau hätte sich in der Adresse geirrt. Das kleine Antiquariat „erlesenes“ von Joy Antoni, mit seinem schwarz lackierten Portal und seinem edlen Interieur, voll gut sortierter literarischer Leckerbissen, in der Weinberggasse 17, nicht weit vom Döblinger Sonnbergmarkt und Thomas Bernhard`s Obkirchergassen-Wien-absteige, könnte sehr gut auch in einer Veneziani-schen „Calle“ liegen, so südländisch hat es sich heute herausgeputzt. Kleine Fähnchen in Grün, Weiss, Rot (endiamo ragazzi), die sich bei näherer Betrachtung nicht als bunt behängte Wäscheleinen, sondern als vervielfältigte Abbilder des Buchcovers der Neuerscheinung der edition sonnberg entpuppen, umrahmen flatternd den für den festlichen Anlass improvisierten Gastgarten vor dem Geschäft und lassen eher an die Neueröffnung einer feurigen Pizzeria oder eines weiteren Eissalons denken, als an den Ort einer „vergeistigten“, dichterischen Heimsuchung. Erst der zweite Blick macht klar worum es wirklich geht. In der Antiquariatsauslage, unbescheiden hinter den riesigen Lettern eines Bachmanngedichts hervorlugend, blinkt, feierlich drapiert, das Objekt der heutigen Begierde als optischer Mittelpunkt: der neue Gedichtband von Willi Stelzhammer. Venedig in Simmering, Gedichte und Lieder, herausgegeben von der kleinen Döblinger edition sonnberg. Heute wird er hier vorgestellt und er blinkt wahrlich unverschämt, denn er ist mit einem kleinen Leuchtfußball geschmückt, - augenzwinkernde Reminiszenz an die Gottheit Fußball-WM, poetische Versöhnungsgeste an die unvermeidliche, weil unverwüstliche Populärkultur.

Im Antiquariat „erlesenes“

Das Antiquariat, bereits überfüllt und überhitzt, wird gleich aus allen Nähten platzen. Durch die Reihen der Klappsessel werden von flinken Händen Tabletts mit Prosecco und anderen probaten „Kühlmitteln“ balanciert, aus der Tonanlage temperiert die markante Stimme Fabrizio De Andrè`s das Raumklima. Einzig das Meer fehlt. Die Gondel ist schon da, allerdings als kleine Kitschminiatur auf dem gedrechselten Lesetischchen in der Ecke, wo sie mit ihren vielfarbigen Lichtlein, ungeduldig wie das Publikum, auf`s Ablegen zu warten scheint. Das Publikum, etwa siebzig Personen, viel zu zahlreich für die kleine Buchhandlung, ist geteilt in „die Drinnen“, die redlich schwitzen und „die Draußen“, die den lauen Sommerabend genießen und es gar nicht eilig haben. Auch hier regiert die bunte Mischung – Poesie kennt keine Grenzen - der Herkunft und Zugehörigkeit. Zu hören sind sie gekommen und auch selber zu plaudern – Familie, FreundInnen, Nachbarn, Kinder, die Lehrerin, Jugendliche, der Bezirksvorsteher, die bekannte Geschäftsfrau, die Pensionistin, der Uhudla-Verkäufer und Redakteur … Lesen und Poesie verbindet.

Pünktlich, mit einer halben Stunde Verspätung ,
endlich die „Erlesung“


Der Dichter selbst, nein - er ist kein lockiger Pizzalieferant und er bringt keine Schachteln mit „Pizza al fungi“, sondern warme, frischgebackene Gedichtbände, die später auch weggehen sollten wie die sprichwörtlichen „warmen Semmeln“ - ist eher untypisch. Weder blass noch introvertiert und mit erwähnter halbstündiger Verspätung beginnt er den schweißtreibenden Abend mit einem Gedicht, das seiner erst vor kurzem verstorbenen Mutter gewidmet ist, die, wie er sagt, zeitlebens sein bestes, dank-barstes, unermüdlichstes Publikum gewesen war und die, er sagt es und man glaubt und fühlt es auch irgendwie, auch diesmal zugegen ist. Die Mutter ist gegangen / Und hat mich lassen stehen / Ich streichelte ihre Wangen / Versprach ihr ein Wiedersehen (…) Dort wo keine Schmerzen wir haben / Alle Menschen sind freundlich und gleich / Alle Zwietracht und Streit sind begraben / Alle sind dort von Liebe so reich (…) Sahst aus Deinem Mantel von Leinen / Skeptischen Auges mich trotzig an / Deinen ewig träumenden Kleinen / Der die Wahrheit nicht fassen kann (…) Ich streichelte sanft ihre Wangen / Und schloss das Auge ihr zu / So schnell ist die Zeit vergangen / Dann bin ich nach Draußen gegangen / In Unruh und ließ sie in Ruh.

Diesem berührenden Beginn war eine kurze Vorstellung der „edition sonnberg“ und ihrer Pläne durch den Verlagsleiter Dr. Rainer Clauss vorgelagert gewesen, mit dem Hinweis, dass dieses Buch vom Bundeskanzleramt und von Wien Kultur gefördert wird. Daran hatte sich die Begrüßung der Gäste und die Danksagung des Autors an alle GeburtshelferInnen des Büchleins und MitgestalterInnen dieses Abends geschlossen:
„Ohne Joy Antoni und ihrem Antiquariat „erlesenes“ hätte es das Buch in dieser Form sicher nicht gegeben. Denn dieser Ort, so jung er ist, ist bereits zum „Carrefour“ der Ideen und Personen geworden und hier kam auch der Kontakt zu Herrn Dr. Clauss und seiner edition mit dem hübschen Namen sonnberg zustande, die gleich visavis von hier, sozusagen über die Straße , gelegen ist."

Pendel zwischen Poesie und Politik

Eine heiße, gute Stunde dauert dann die Lesung von Willi Stelzhammer, die von zwei mit ihm befreundeten Musikern, Isaak Loberan von der jiddischen Gruppe Scholem Aleijchem und Juan Neira, chilenischstämmiger Obmann des Stadtteilzentrum Simmering, „Centro 11“, das Willi Stelzhammer vor nunmehr 12 Jahren gegründet hatte, begleitet wurde. Stelzhammer folgte, in geraffter Form, dem Aufbau seines Gedicht-bandes, der eine Art poetisch-politischer Chronik seiner letzten zwanzig Jahre widerspiegelt und lud mit seltenem Charisma und melodischer Stimme, die den Sänger verriet, zu einer intimen, abwechslungsreichen Reise in innerste Gefühlswelten ( existenzielle Brüche und Widersprüche inklusive), evozierte Landschaften, Leiden-schaften, Jahreszeiten, Stimmungen und Verstimmungen, Zustände der Liebe und Trauer, des Verlustes, des Mitgefühls und der geteilten Freude. Kleine persönliche Berührungspunkte des Autors mit Ereignissen der jüngeren Zeitgeschichte kamen zum Vorschein, wie etwa in dem Gedicht Lichtermeer aus dem Jahre 1992, als er erfahren musste, dass zum erstenmal in Österreich das Mittel eines demokratischen Volks-begehrens gegen Menschen, als sogenanntes „Ausländervolksbegehren“ missbraucht werden sollte. Damals schrieb er: Hat das Meer Angst vorm Regen / Fühlt der Tropfen sich allein / Wenn die Wellen sich bewegen / Wirds ein Sturm im Glase sein (…) Gibt es Grenzen gegen Fluten / Gibt’s Gesetze gegen Recht / Ist das Inland Gut der Guten / Und das Ausland Knecht und schlecht (…) Wer den Wind sät wird Sturm ernten / sah schon Lämmer die zum Schlachten gingen / Und sich wehren lernten / Und den Wolf zur Strecke brachten (…)
Einen Monat später, im Jänner 1993, er war unterdessen Mitbegründer der Initiative SOS Mitmensch und einer der Hauptkoordinatoren des Lichtermeeres geworden, standen 259.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit am Heldenplatz.


Aber auch Begebenheiten des Alltags werden immer wieder gestreift, etwa im Kindergartenrap, wenn seine Tochter Elena sich nicht und nicht anziehen lassen will und er sie am liebsten an die Decke kleben würde. (…) Ich schleppe sie und ihren Sack / Bis in den Kindergarten / Natürlich kommen wir zu spät / Und alle Tanten warten (…) Nach außen hin bin ich ganz ruhig / Doch innerlich, da kocht er / Und jeder irrt sich, der da glaubt / Der Mann liebt seine Tochter

Zum Greifen dichte, tiefe Betroffenheit macht sich breit nach dem Gedicht „Täter-profil: Es war ein Einzeltäter“, diesem gewaltigen und schockierend eindringlichen Briefbombenrap gegen die kollektive Verdrängung der gesellschaftlichen Wurzeln von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit in unserem Land, gegen die allzubereite geschichtliche Amnesie der Österreicher, ihren Hang, auch als Täter und Mitläufer in die Opferrolle zu schlüpfen und den allzufreudig und erleichtert angenommenen Freispruch von aller Mitschuld und moralischen Mitverantwortung zu zelebrieren, da der Briefbombenattentäter und Rohrbombenmörder der Oberwarter Roma - trotz nachgewiesenem nationalsozialistischen Umfelds und zahlreicher unüberprüfter Hinweise und Indizien auf Mittäterschaft – ja letztlich doch nur ein „verrückter Einzeltäter“ gewesen sei. Schau in den Spiegel, was tust du dagegen / Wenn sich im Wirtshaus Fremdenfeinde regen / Wenn in der Kronenzeitung Tschuschenenwitze stehen / Skinheads in der U-Bahn hast du nie gesehen / Auch Schubhäftlinge nicht in ihren stinkenden Zellen / Bevor Fremdenpolizisten sie den Henkern überstellen / Du bist unschuldig, warst nirgendwo dabei / Gar nichts interessiert Dich, bist in keiner Partei / Du hast ein reines Gewissen / Hast nur immer mitgebellt / nie selber gebissen / Dich nie dagegen gestellt / Du hast niemandem den Finger weggerissen / Du hast niemandem den Finger weggerissen (…)
Es war ein Einzeltäter, es war ein Einzeltäter / Ein Heinzeltäter, wie die Heinzelmännchen werken / Wenn die braven Schafe schlafen / „Ach wie gut, dass Schlögl weiß, dass ich Einzeltäter heiß“ / Es war ein unpolitischer Einzeltäter.


Immer wieder brandet Applaus auf auch für die stilleren Themen und Momente, die „aus dem Herzen der kleinen Dinge“ kommen, das Einfache, das laut Brecht "so schwer zu machen ist" und das der Autor ebenso wie Franz Schuh vielleicht für das Komplexeste und Unbegreiflichste in und an unserem Leben überhaupt, hält – die Banalität und das tägliche Wunder des Lebens in allen seinen Manifestationen. Das Zentrum liegt im Nebenbei könnte das Motto dieser Gedichte auch heissen, wenn ein zerbrechlicher Alter hoch auf den Sprossen einer Leiter steht, um in akrobatischer Verrenkung einen alten Ast abzusägen, der ihn stört. (…) der Baum wird stehen /lange nach ihm und Früchte tragen / die er heut ersehnt, oder wenn nach einem langen Winter eine Amsel ihr Bad im Frühlingsregen nimmt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auch Alter und Tod werden angesprochen, ausgesprochen, nicht verdrängt und schamvoll verhängt, auch nicht exorziert, einfach zugelassen, weil es sie gibt, als Teil unseres Lebens, fernab der Hochglanzmagazine, Moden und Trends. Eros und Thanatos im Alters-heim: (…) Noch lebt ihr, pulst das Blut durch euren Leib, dürr, ausgemergelt / aber ähnlich noch dem Menschenbild / Mysterium Leben – was ist schön? – der Seele Schatten und der Liebe Furchen / Wo ist vergangener Freud und Lust Verbleib / zerklüfteten, schwarzen Olivenwaldes Weib / vergangener Schlachten Mann mit brüchigem Schild / umzingelt schon von Drachen und von Lurchen?
Gleich darauf, im nächsten Gedicht stehen ihnen ein türkisches Mädel und ein tschechischer Bub gegenüber, umschlungen in der U-Bahn (…) schmal, schwarz mit / Kopftuch die eine / blond, groß, mit Muskeln / der andere (…) und spielen das ewige Spiel (…) die Jahreszeit, das Jahr / die Politik, die Herkunft / sind unbedeutend im Funkenschlag / der ersten Gefühle
.

Die Liebe fragt nicht was sie darf

Vor allem kommt bei Stelzhammer die Liebe nicht zu kurz. Sie ist, wie er selbst sagt, sein wichtigster Antrieb für alles (…) Nur in der Liebe ist die Freiheit auch / Und ohne Liebe ist da nur der Tod / Die Kälte und ein leeres Rettungsboot / Kein Feuer mehr und nicht einmal mehr Rauch. und die Liebe hat für ihn viele Gesichter und Formen und Zeiten (…) Wenn die Liebe alt ist / und zärtlich und leuchtet / drehen sich die Jungen eifersüchtig nach ihr um (…) und (…) Die Liebe / fragt nicht was sie darf / sie tut es / Die Liebe ist in / jedem Falle scharf / und Freundin dunklen, roten / frischen Blutes (…). Aber auch wenn sie einmal zu fest zugebissen hat, scheint es für ihn noch Tröstliches zu geben (…) Doch unerhofft kommt sie wieder / Und streift mich mit ihrem Gefieder / wenn ich unglücklich bin

Die Liebe, die große Liebe, die unaussprechlich abgelutschte, abgedroschene, bis zum Überdruss besungene Liebe, wer (wen) verfolgt sie nicht? Auch Stelzhammer tut es, unermüdlich, unverbesserlich, unbelehrbar. Er sucht und singt und findet sie so vielleicht auf seine Weise. Auch noch auf dem Flohmarkt Auf dem Flohmarkt / kaufe ich eine ewig / blühende Rose / und ein unzerstörbares Herz aus / Porzellan / und Schneekristalle / und einen blauen Winterhimmel / und eine gut erhaltene / Hoffnung auf Frühling / und Liebe / eine Sonne / und einen Spiegel / mit dem unauslöschlichen / Bild von Dir.
Dichter haben bekanntlich kein Geld, nagen am Hungertuch. Dichten ist eine brotlose Kunst. Uiii Jeee – schon wieder ein Klischee! Nein, Tatsache. Tatsache aber auch, dass er sich am Rand wohlfühlen kann, oder überhaupt fühlen. Ist das in unserer hektischen, egoistischen, schnelllebigen traurig und einsam machenden Zeit nicht ein beinahe unbezahlbarer Luxus geworden. Der Einzige den man/frau sich um Himmels willen wirklich leisten sollte, weil er üerlebenswichtig ist. Hedonismus in vollen Zügen. Gratis. Weit wichtiger als jedes Penthouse und jedes Pöstchen. Am Rand der Schlachten / abseits des verzischenden Ruhmes / des vergänglichen Besitzes / im Hinterhof der geltenden Zeit / des zeitigen Geldes / blinzle ich in die / Sonne und / spür mein Herz schlagen / reich an Hunger / und Durst / wach und offen / im Lichthof zwischen / den Warenbergen.(…)

Aus Tiefsinnigem und Nachdenklichem soll offenbar nicht zuviel des Guten werden und deshalb wird zwischendrin immer wieder einmal auch etwas heiteres serviert, etwa wenn Kater Rudolf, zwecks Traumdeutung, zu einem Mäusepsychiater geht, der ihm einredet, dass seine Albträume in denen er von Mäusemeuten gefressen wird, völlig normal seien und dass Kater durchaus keine Mäuse fressen. Niemals. (…) Zum Mäusefreund manipuliert / ist Rudolf seither ganz verwirrt / Moral: Such Dir als Traumberater / doch lieber einen „Psychikater“

Ja, dieser Leseabend ist durchaus auch für kleinere Kinder gedacht (…) Wenn das Buch zur Schule geht / will es, dass die Kinder lesen / was darin geschrieben steht / was der Hahn vom Kirchturm kräht / wohin der Wind die Blätter wht / warum sich die Erde dreht / und reiten Hexen wirklich auf Besen

Das Leben bebt

Freilich konnten so bedeutende Fragen wie diese, ebenso wie viele andere, weit weniger wichtige auch, an diesem Abend nicht ausreichend beantwortet werden. Dafür wurden jede Menge neue gestellt. Brennende, aktuelle Fragen, darunter auch die, die aus den brennenden Banlieus von Paris erst kürzlich unauslöschlich emporschlugen und auf die wir, allen voran unsere „Regierungsfeuerwehren“ dringend Antworten finden sollten, wenn das friedliche Zusammenleben in und mit Europa weiterhin möglich sein soll. (…) Junge aus der Vorstadt was ist los mit dir? / Du führst dich auf und / sie hetzen dich wie ein wildes Tier / Zwischen allen falschen Fronten / Zwischen Vorhut und Spalier / bist du auch ein Stück von mir / jetzt und hier (…) Du sitzt in unseren Parks, unbeachtet / ohne Arbeit, voll entmachtet / Keiner streift an dich je an / Rüttelst an Europas Toren / sitzt im Zentrum schon verloren / Wünschst du wärest nie geboren / blinder Passagier, erfroren / kommst im Wohlstandsland du an / Kommst du nirgends an (…) Das Problem ist sichtbar geworden / an den Zäunen Europas, im Zentrum / Ausländerhäuser brannten wenig vorher / Schon vergessen? / Das Maß ist voll, maßvolles Teilen ist angesagt / Autos und Energie / Überfluss und Verschmutzung / Faschismus der Gleichgültigkeit / Kriege, Tsunamis, Hurricans, Seuchen / Aids, Erdbeben, Vogelpest / Faschismus der Gleichgültigkeit / Bebendes Leben / Versunken in unser Ego – das Leben bebt!
Das Leben bebt / die Welle frisst / der Wind zerstört / Der Mensch vergisst /
was er begräbt / bleibt unerhört
Die Luft verschmutzt / das Wasser schwindet / das Öl versiegt / Der Mensch erfindet / nur was ihm nutzt / und ihn besiegt.
Es ist jetzt Zeit / die Zeit wird knapp / sich zu besinnen / Kurs auf das Kap / Mitmenschlichkeit / Aufstand von Innen!


Mit diesem dringlichen Appell, der leider nicht so schnell als Headlines in einer Tageszeitung erscheinen wird, geschweige denn im ORF und nachstehendem „Mystischen Wunsch“ endete die Lesung Die reine Schale meines Herzens / neige ich dem Dreck der Straße / setze sie dir an die Lippen – trink, du Tier aus dieser Tränke / du gehetztes, namenloses, aus den Äsungen des Dunklen / in den Schein der Zeit getreten (…) Schreib mir nicht, du Unbekannte / mit dem Blut an deinen Fingern / Worte, die die Nacht diktierte / an die hoffnungslose Stirne / Trinke, doch ertrinke nicht.

Zwanzig Jahre, geballt in einer intensiven, „heissen“ Stunde. Dichter und Musiker wurden mit nachhaltigem Applaus belohnt, das Publikum mit dem Entlass in einen wunderschönen, kühlen Döblinger Juniabend, wo das eben Gehörte, für manche vielleicht Verstörende, ergänzt, gelobt und kritisiert, mit eigenen Kommentaren und angeregten Diskussionen versehen, bei Prosecco, Bier, Wein, Mineral und Trzniewski-Brötchen gebührend nachhallen und ausklingen konnte. Der Dichter war minutenlang in einer Welle von Signierungswütigen verschwunden und vermutlich ebenso wie Verleger Dr. Clauss und Gastgeberin und Veranstalterin Joy Antoni mit der gelungenen Veranstaltung zufrieden. In der allgemeinen Ausgelassenheit holten sich einige unermüdliche und unersättliche ZuhörerInnen noch ihren kleinen Nachschlag an Gedichten. Aus dieser Zugabe bleibe ein 1. Mai – Aufruf - den der SPÖ-Chef, laut Auskunft des Autors nur deshalb nicht am Rathausplatz hatte halten können, weil der „Ghostwriter“ bedauerlicherweise den Tag der Arbeit verschlafen hatte – der interessierten Nachwelt nicht vorenthalten. Wer weiss ob sonst die ganze leidige Geschichte nicht schon längst einen ganz anderen Verlauf genommen hätte.
Aufruf zum 1. Mai: Etwas weniger fressen / Etwas weniger besessen kaufen / Etwas mehr das Eigene vergessen / Nicht mit- selbstständig laufen!
Aufs Tabula Rasa nicht warten / Skandale selber aufdecken / Penthouse und Privilegiengarten / Öffnen, nicht ängstlich verstecken!
Supergagen verschenken / Breitarsch vom Machtsessel heben / Aufhören zu lenken – denken / Kampfgeist wiederbeleben!
Globalisierung hinterfragen / Gewerkschaftsarbeit machen / Widerstand wagen / Weltweit entfachen!
Wirtschaft demokratisieren / Gerechtigkeit schaffen / Dafür, ihr Affen / Lohnts zu demonstrieren.


Am Schluss war alles klar

Keine Angst, es blieb bei einer gut besuchten Lesung. Niemand demonstrierte. Die einzige Demonstration war die der allgemeinen guten Laune. Außerdem demonstrierten in allen Lokalen der Welt ab 21 Uhr auf Großleinwänden Fußballer ihre Fußballkunst-stücke. Und das wars auch schon, von wegen Demonstration. Wäre ja noch schöner. Es wurde Zeit zu gehen, mit der Zeit. Die Poesie hatte ihr Stündchen gehabt. Ihr Sternstündchen. Nun war sie wieder bereit zur Normalisierung, brav den Platz einzunehmen, der ihr zusteht. Aus der Traum von Poesie an der Macht. Ganz wie im richtigen Leben, wo die Lyrik ihr Stiefmütterchendasein in den hintersten Regalen der Unterhaltunggsliteratur – und Romankonsummaschinerie fristet, meist bleichwangig und mondsüchtig, ganz wie die Zivilgesellschaft und die Demokratie, etwas angestaubt und kaum vorhanden. Doch bisweilen tritt Arlequino auf die Straße, mit oder ohne Colombine, mit oder ohne Mandoline, mit oder ohne Gondel, aber immer mitten unter die Pierrots, mitten unter die Leute und singt und rüttelt und wiegelt auf zu einem Aufstand der Herzlichkeit, der Vernunft, der Liebe und der Schönheit, gegen die Windmühlen, für ein poetisches Leben eben. Wie schreibt Stelzhammer in der Ergänzung seines Lebenslaufes Straßenkomödiantisch und marktschreierisch: Bin geboren in Simmering / Wo mein Lebnslauf anfing / 68 wurd ich munter / Kam von der Welle niemals runter / Zwischendurch in Frankreich war ich / Schön wars, heiss und ziemlich haarig / Schrieb Musiktheaterstücke / Gedichte, Lieder und Pamphlete / Hatte alles außer Knete / Dann zurück zur Waldheimzeit / Machte ich in Wien mich breit / Gründete ein Stadtteilzentrum / Trieb mich zivilgesellschaftlich rum / Nicht, dass das schon alles wäre / Ich erfand auch Lichtermeere / Trat für freie Radios ein / Ließ das Dichten niemals sein / Seit 2000 Wendeschande / Bin ich bös aufs Vaterlande / Akzeptier nicht die Regierung / Lehne ab Normalisierung / Doch seit alle resignieren / Donnerstags nicht mehr marschieren / Wird auch mein Gemüte schlichte / Und ich schreib nur mehr Gedichte / Dieses ist mein Lebenslauf / Und nun lieber Leser kauf!

Aha, so ist das also. Von wegen. Keine Spur mehr von romantischer Träumerei, wie in dem Gedicht, das dem Band seinen Titel gab und wo es so blauäugig und harmlos heißt: Wenn Venedig in Simmering wär und der Mond und die Sterne wären ganz nah (…) und: (…) Ach, wenn Simmering einmal Venedig wäre / Alle Hoffnungslosigkeit wäre Tanz (…) Statt dessen: (…) Und jetzt lieber Leser kauf! Nicht nur politisch unkorrekt, weil die feminine Form dem Reimzwang geopfert wurde, nein, offene, scham-lose, beinharte Geschäftemacherei

Jetzt endlich war mir klar warum heute Abend „Venedig in Simmering“ in Döbling zu Gast war und es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich hörte auf einmal ein lautes und deutliches „Blop“. Natürlich, das war es – um reich zu werden! Bloß so

20.6.06

Gedichte in Buchform


Willi Stelzhammer,
Venedig in Simmering, Gedichte und Lieder
ISBN 3-9502043-1-8, 116 Seiten, Format 20 x 12,5 cm, 11,– Euro


Der Gedichtband ist ab sofort im Buchhandel erhältlich oder kann beim Verlag direkt bestellt werden (versandkostenfrei).

Im Buch sind vier Zeichnungen von Hüseyin Isik, von dem auch die Umschlaggrafik stammt.

Die Buchpräsentation findet statt am 22. Juni um 19 Uhr in der Buchhandlung „erlesenes“
Weinberggasse 17, 1190 Wien.

1.6.06

poetisch und politisch unkorrektes, schweinisches

31. Mai 2006

Danke, liebes Zensorenschwein

In Düsseldorf da sitzen deutsche Fritzen
Und schänden den Kadaver Heinrich Heines
Indem sie "schorf" die schorfigen Lippen spitzen
In der Manie des feigen Spießerschweines
Das vorsichtig und selbstgefällig in sich ruht
Und sich an allem Freien, Wilden gütlich tut
Weil es ihn abgrundtief in seiner Seele kränkt
Wenn jemand ungezähmt und frei, mündig von selber denkt
Und sich dem vorgefassten Einheitsbrei verwehrt.
Dichter, lebendig oder tot werden vom Schwein verzehrt
und nicht mit einem Heine-Preis geehrt.
Doch das, Zensorenschwein, ich bitte um Verzeihung,
Ist doch die allerbeste Preisverleihung
Für Heine und für Handke
Darum - Danke!